2006-01-05
U-JOBS-Statistik 2005: Bestes Jahr bisher – Indiz für Trendwende auf Übersetzungsmarkt?
„Mein Taschenrechner spinnt“, dachte sich Richard Schneider, als er dieser Tage die Jahresstatistik der Mailingsliste U-JOBS für das Jahr 2005 erstellte. Doch auch beim zweiten Durchlauf ergab sich dieselbe hohe Zahl: 1.941 Jobangebote wurden 2005 über die Liste verteilt – so viele wie noch nie zuvor in der zwölfjährigen Geschichte der Jobbörse. Ein Indiz für eine Trendwende in Deutschland, dem mit rund 30 Mio. Seiten pro Jahr größten Übersetzungsmarkt der Welt?
    Nach Beginn der Wirtschaftsflaute im Jahr 2000 (Platzen der New-Economy-Börsenblase) und deren Verstärkung durch die Anschläge vom 11. September 2001 hatte sich das jahrzehntelang zweistellige Wachstum der Übersetzungsbranche auf ein mittleres einstelliges Wachstum verringert.
Auch in der U-JOBS-Statistik machte sich dies deutlich bemerkbar. Einige Trends:
  • Am deutlichsten ging die Zahl der weitergeleiteten Angebote zurück. In der Krise war offenbar jeder sich selbst der Nächste. Der Rückgang der Jobangebote insgesamt ist auf den Rückgang der weitergeleiteten Angebote zurückzuführen.
  • Erfreulich ist, dass die Zahl der Jobangebote von Kollegen/Übersetzungsbüros zwischen 2000 und 2004 praktisch konstant blieb. Sensationell ist die Verdoppelung von 2004 auf 2005.
  • Die Zahl der Angebote von Direktkunden war und ist gering, denn die deutsche Exportwirtschaft kennt U-JOBS nicht. Erstaunlich ist, dass sich dennoch 90 Mal Unternehmen mit Übersetzungsbedarf in der Liste zu Wort meldeten. Dies dürften überwiegend Firmen sein, deren Dokumentationsleiter in der tekom, dem Berufsverband für technische Redakteure, organisiert sind. Innerhalb der tekom ist Listenbetreiber Alexander von Obert mit seinen Online-Aktivitäten seit zwei Jahrzehnten bekannt wie ein bunter Hund.
  • Von 2004 auf 2005 steigen alle vier Kurven deutlich an – das kann eigentlich kein Zufall sein. Möglicherweise war 2004 die Talsohle erreicht und der Markt ist nun dabei, allmählich seine alte Dynamik wiederzuerlangen.
Auch die Zahl der Teilnehmer hat einen neuen Höchststand erreicht: am 31.12.2005 bezogen genau 2.176 Übersetzer im In- und Ausland die Liste. U-JOBS ist damit nicht nur die älteste, sondern hinsichtlich der Zahl der Teilnehmer und Jobangebote auch mit Abstand die größte Jobbörse für Übersetzer mit der Arbeitssprache Deutsch. (Vielleicht sogar weltweit die größte Jobbörse für Übersetzer.)
    Von weiterem Wachstum ist auszugehen, wenn man bedenkt, dass auch eine große Liste wie U-JOBS nur rund 10 Prozent der schätzungsweise 20.000 im deutschsprachigen Raum tätigen Sprachmittler erreicht.
    Trotz der stetig steigenden Teilnehmerzahlen ist die Arbeit mit der Liste für Auftraggeber noch nicht unpraktikabel geworden. Schneider, der selbst regelmäßig freie Mitarbeiter über die Liste sucht, meint: „In den meisten Sprachkombinationen braucht man keine Angst zu haben, von Bewerbungen überschüttet zu werden. Wer einen Übersetzer ins Englische, Italienische oder Portugiesische sucht, wird meist weniger als ein Dutzend Bewerbungen erhalten, aus denen sich schnell der am besten geeignete Kandidat herauspicken lässt. Anders sieht es jedoch bei der Sprachrichtung Englisch ins Deutsche aus. Da können sich durchaus schon einmal 30 Bewerber melden.“
    Gelegentlich hört man Übersetzer von einem „Sommerloch“ sprechen. In der U-JOBS-Statistik gibt es jedoch keine Indizien dafür. (In der obigen Grafik werden nur die Jahreswerte, nicht aber die Monatswerte aufgeführt.) Offenbar tut sich das Sommerloch nur für Übersetzer auf, die in der heißen Jahreszeit Urlaub machen (oder wegen der Kinder machen müssen) und dadurch entsprechende Einnahmeausfälle zu verzeichnen haben. Die durcharbeitenden Kollegen profitieren von den ausfallenden Urlaubern und gelangen im Sommer oft unverhofft zu neuen Kunden.
    Statistisch deutlich nachweisbar ist hingegen eine Auftragsflaute zwischen Weihnachten und Neujahr. Der Dezember war fast immer der Monat mit den wenigsten Jobangeboten.
    Seit 1999 führt Schneider die Statistik über die Zahl und Art der Jobangebote. Dabei werden nur die tatsächlichen Jobangebote gezählt, nicht jedoch die gelegentlich durchrutschenden Diskussionsbeiträge und vor allem nicht die vielen grundsätzlich überflüssigen „Job ist inzwischen vergeben“-Mitteilungen.
     Betreiber von U-JOBS und drei weiteren Mailinglisten für Übersetzer (U-FORUM, U-LITFOR, U-CAT) ist Alexander von Obert in München. Der Diplom-Ingenieur der Elektrotechnik und technische Redakteur richtete 1987 in Nürnberg die Mailbox TechWriter's Home als Informations- und Kommunikationsmedium für technische Redakteure ein. (Eine Mailbox war damals ein Computer, der über ein Modem ans Telefonnetz angeschlossen war. Die Teilnehmer bauten von ihrem Computer aus eine direkte Telefonverbindung zur Mailbox auf und konnten so die dort hinterlegten Nachrichten und Dateien abrufen.)
    Auch Schneider, damals noch Student in Germersheim, wählte sich Anfang der 1990er Jahre regelmäßig ins TechWriter's Home
ein – was nicht selten dazu führte, dass seine monatliche Telefonrechnung höher als die Wohnungsmiete war. „Solche deutschsprachigen Online-Foren müsste es auch für Übersetzer geben“, dachte er sich (englischsprachige gab es bereits in Form von FLEFO bei CompuServe). Und so fragte er bei von Obert nach, ob dieser ihm ein paar Tipps geben könne.
    Von Obert fackelte nicht lange und richtete kurzerhand ein Forum für Übersetzer innerhalb seiner Mailbox ein. Und schon wenige Monate später war in den Übersetzerforen der Mailbox mehr los als im Bereich für technische Redakteure. Das ist bis heute so geblieben.

Die Jobbörse U-JOBS wurde 1993 in der von Alexander von Obert seit 1987 betriebenen Mailbox TechWriter's Home auf Anregung von Richard Schneider eingerichtet. Seit Januar 1997 steht das Angebot auch allen Internet-Teilnehmern als Mailingliste U-JOBS zur Verfügung – kostenlos, werbefrei und ohne Registrierung. Wer sich anmelden möchte, braucht lediglich seine E-Mail-Adresse anzugeben. Weitere Informationen zum Betreiber sowie Hinweise zur Anmeldung finden Sie unter folgender Adresse: www.techwriter.de/thema/u-jobs.htm.

[Text: Richard Schneider. Grafik: Jürgen Herber. Bild: Uepo-Archiv, Schneider, von Obert.] www.uebersetzerportal.de



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