2006-01-24
„Entlassungsproduktivität“, „Ehrenmord“ und „Bombenholocaust“ Unwörter des Jahres 2005
Zum 15. Mal seit 1991 ist das Unwort des Jahres gewählt worden. Für 2005 entschied sich die Unwort-Jury für den betriebswirtschaftlichen Begriff „Entlassungsproduktivität“. Dieses Wort meint eine gleich bleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung, nachdem zuvor zahlreiche für „überflüssig“ gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden. Es verschleiert damit die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten, was oft auch mit dem ebenfalls beschönigenden Wort von der „Arbeitsverdichtung“ umschrieben wird. Aber auch die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen der personellen Einsparung, die Finanzierung der Arbeitslosigkeit, werden mit diesem Terminus schamhaft verschwiegen.
    An zweiter Stelle rügt die Unwort-Jury die sprachlich paradoxe Formulierung „Ehrenmord“, womit die Ermordung von in der Regel weiblichen Familienmitgliedern mit Berufung auf eine archaische, in unserem Kulturkreis absolut inakzeptable „Familienehre“ relativiert werden kann. Deutschsprachige Medien sollten ihre Distanz zu diesem weltweit leider nicht seltenen Verbrechen auch sprachlich zum Ausdruck bringen.
    An dritter Stelle kritisiert die Jury einen weiteren Höhepunkt der Leugnung, zumindest der Verniedlichung des NS-Völkermords durch das Wort „Bombenholocaust“, mit dem die NPD im sächsischen Landtag im Januar 2005 die Zerstörung Dresdens umschreiben zu müssen glaubte. Das Kriegsverbrechen, das 1945 in Dresden begangen wurde, war schlimm genug, bleibt aber mit der millionenfachen systematischen Ermordung nicht zuletzt der Juden unvergleichbar.
    In vierter Position macht die Jury auf einen mehr als unsensiblen Fachterminus im privaten Versicherungswesen aufmerksam: das sog. „Langlebigkeitsrisiko“. Er ist zwar „kongenial“ zum Versicherungsterminus „Todesfallbonus“, scheint sich aber im beobachteten außerfachlichen Gebrauch zur (noch) ironischen Kommentierung der aktuellen Altersstruktur der Deutschen zu eignen.
    Zeitgleich mit der Verkündung des „Unworts des Jahres“ gibt die Börse Düsseldorf das „Börsen-Unwort 2005“ bekannt: den Vergleich ausländischer Investoren mit Heuschrecken.
    Diesmal hatten sich 1.891 Einsenderinnen und Einsender aus Deutschland, dem übrigen Westeuropa und aus Übersee mit 1.073 verschiedenen Vorschlägen beteiligt.
    Der Jury für das Unwort des Jahres 2005 gehörten an: die vier ständigen Mitglieder Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Wiesbaden), Prof. Dr. Nina Janich (Darmstadt) und der Sprecher der Jury, Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a.M.). Als Vertreter der Sprachpraxis war diesmal der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Prof. Dr. Klaus Reichert (Darmstadt/Frankfurt), Mitglied der Jury.


Hier, auf „Deutschlands schönstem Campus“, werden die Unwörter alljährlich vorgestellt: Das architektonisch sensationelle ehemalige IG-Farben-Haus, fast 50 Jahre lang vom US-Militär als Hauptquartier missbraucht, beherbergt seit einigen Jahren Fachbereiche der Frankfurter Universität.
    Wer nach Frankfurt kommt, sollte sich das Gebäudeensemble unbedingt ansehen.
Ebenso wie zum Beispiel in Germersheim findet man hier keinerlei Graffiti-Schmierereien.

[Text: Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser. Quelle: Pressemitteilung, 2006-01-24. Bild: Uni Frankfurt.] www.uebersetzerportal.de

  Horst Dieter Schlosser