2006-03-29
Papst-Übersetzerin Sigrid Spath zum Sprachstil Benedikts XVI.
Bald ein Jahr ist es her – das Habemus Papam vom 19. April 2005. Die Woche der Fastenexerzitien, in der Papst Benedikt XVI. selbst nicht öffentlich in Erscheinung tritt, wollen wir nutzen, um nachzufragen: Wie ist eigentlich der „Stil“ dieses Papstes, wie drückt er sich aus?
    Wir fragten eine Frau, die das wissen muss: Die Übersetzerin Sigrid Spath. Sie hat Ansprachen und Dokumente aller Päpste seit Paul VI. ins Deutsche übertragen – aus dem Italienischen, Französischen, Polnischen und gelegentlich aus dem Lateinischen. Jetzt übersetzt sie Benedikt. Es verhält sich nämlich so mit dem deutschen Papst: Er schreibt nicht auf Deutsch, sondern meistens auf Italienisch.
    Eine echte Prioritätenverschiebung unter dem deutschen Papst hat Sigrid Spath beobachtet: Benedikt XVI., der natürlich auch bei besserer Gesundheit ist als sein Vorgänger, weist der Generalaudienz am Mittwoch einen höheren Stellenwert zu. Und schreibt die Texte dazu selbst.
    „Die Generalaudienz, die erste der Fastenzeit, am Aschermittwoch, das war sicher ein Ratzinger-Text vom ersten bis zum letzten Buchstaben – ganz schöne Meditation über das Fasten. Er hat das auch ausgesprochen: Alle sind immer eingeladen zur Generalaudienz, ob Bischof oder Hausmeister oder Familien. Und da nimmt er sich auch Zeit. Jetzt wo es so kalt war, hat er ja – dreimal war das der Fall – am Mittwoch auch zwei Generalaudienzen gehalten, eine in St. Peter und eine in der Audienzaula.“
    Benedikts Sprache sei nicht immer einfach zu übersetzen, sagt Sigrid Spath. Stilistisch zieht der Papst alle Register.
    „Es ist überhaupt nichts Altertümliches. Es ist sehr vielfältig, möchte ich sagen, immer dem Thema angepasst. Ich habe einmal eine Predigt für Kinder gehört von ihm – das hätte man ihm nicht zugetraut: Er war wirklich kindgerecht und hat trotzdem auf einem hohen Niveau gesprochen.“
    Die amtliche deutsche Version des deutschen Papstes abzuliefern, ist für Sigrid Spath eine große Verantwortung: „Es ist eigenartig, da hab ich manchmal fast ein bisschen Scheu, wenn ich mir denke, Papst Benedikt, dessen Muttersprache Deutsch ist und dessen Italienisch gehaltene Predigt erscheint jetzt in meinem Deutsch – ich kann aber nicht Ratzinger im Original nachahmen! Ich hoffe, er kann sich damit abfinden!“

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[Text: Gudrun Sailer, Radio Vatikan. Quelle: Radio Vatikan, 2006-03-08. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Gudrun Sailer, Radio Vatikan. Bild: PhotoCase.com.] www.uebersetzerportal.de