2006-11-23
„Weder richtig noch gerecht, sondern konfus“ – Ingolf U. Dalferth kritisiert Bibel in gerechter Sprache
Der an der ETH Zürich Religion, Symbolik und Religionsphilosophie lehrende Prof. Dr. Ingolf U. Dalferth kritisiert die vor Kurzem veröffentlichte Bibel in gerechter Sprache. Von der Qualität anderer reformatorischer Übersetzungen wie der Lutherbibel sei die Bibel in gerechter Sprache weit entfernt.
    Die Übersetzung gehe von Annahmen aus, die weder begründet noch bewiesen seien. „Sie traut den Lesern gar nichts zu, sondern schreibt ihnen unablässig vor, wie sie verstehen sollen, was sie lesen.“ Offenbar sei es in erster Linie darum gegangen, „den Impulsen der Befreiungstheologie, der feministischen Theologie und des jüdisch-christlichen Dialogs gerecht zu werden“.
    Die Übersetzung könne nicht gleichzeitig „geschlechtergerecht“, „gerecht im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog“ und „sozial gerecht“ sein sowie „dem Ausgangstext gerecht werden“.

So löblich diese Ziele je für sich sein mögen, sie schliessen sich gegenseitig aus, wenn man die biblischen Texte als Zeugnisse einer anderen Zeit und Kultur ernst nimmt. Vor allem aber sind sie keine philologisch brauchbaren Übersetzungsprinzipien. Kein Text der Bibel wurde in der Absicht verfasst, geschlechtergerecht, antidiskriminatorisch und frei von Antijudaismus zu sein. Diese Texte entstammen Zeiten, die von anderen Anliegen bewegt waren. Die Bibel ist durchzogen von tiefen Spuren innerer Spannungen, Entwicklungen und Neuentdeckungen, die sich nicht gesinnungsgerecht harmonisieren lassen. Eine sachgerechte Übersetzung darf das nicht verwischen. Sie muss es gerade deutlich machen, um eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen.
    Selbstverständlich kann man die Bibel unter den genannten (und manchen anderen) Gesichtspunkten kritisch lesen und auslegen. Aber sie so zu übersetzen, also im Deutschen als das zu präsentieren, was die Originaltexte sagen, ist schlicht irreführend. Das kann man nur tun und meinen, weil man sich nicht von den Texten, sondern von Vorurteilen leiten lässt.

Zwar gebe es „keine Übersetzung ohne Deutung“, doch sei es falsch, „jede Deutung als Übersetzung auszugeben“. Dalferth belegt an einer Fülle von Beispielen, was er damit meint. Er kommt zu dem Schluss, dass die neue Übersetzung ihren Zweck verfehle: „Sie ist nicht textgerecht und richtig, sondern schlicht schlecht, falsch und nichtig.“
    Den Artikel von Dalferth können Sie in der NZZ in voller Länge lesen.

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[Text: Richard Schneider. Quelle: NZZ, 2006-11-18. Bild: ETH Zürich.] www.uebersetzerportal.de
Ingolf U. Dalferth
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