2007-03-17
„Fünf Jungs auf 800 Mädels“ – Auch das ist ein Grund, angewandte Sprachwissenschaft zu studieren

Nevio Passaro (27), der singende Dolmetscher, antwortet im Interview auf die Frage „5.000 Mädchen stehen vor der Bühne und jubeln. Flirtet es sich jetzt anders als vorher?“:

Um ehrlich zu sein: Ich bin ziemlich verwöhnt. Klingt arrogant, hat aber einen ganz anderen Hintergrund, der nix mit Musik zu tun hat. Dolmetscher machen einfach mehr Frauen als Männer. [Er meint: Im Studiengang „Dolmetscher“ schreiben sich mehr Frauen als Männer ein.] Beim Studium waren wir so fünf Jungs auf 800 Mädels. Da konnte man frei wählen. Ich meine, wen hätten sie sonst nehmen sollen? Wir fünf waren ja die einzigen.

Der in Deutschland aufgewachsene Halbitaliener studierte „Moderne Fremdsprachen für Dolmetscher und Übersetzer“ an der Universität Bologna (Forli). Im Dezember 2006 erwarb er nach bestandener Prüfung und einer Diplomarbeit zum Thema „Die Koexistenz von Dativ und Genitiv in der deutschen Sprache“ seinen Diplomabschluss als Simultandolmetscher für Italienisch, Englisch und Französisch.
     Sein Studium hatte er 2005 für ein halbes Jahr unterbrochen, um an der Talentshow „Deutschland sucht den Superstar“ teilzunehmen. Er kam bis unter die letzten zehn und zählte lange zu den Favoriten. Soeben hat er eine erfolgreiche Single und sein erstes Album veröffentlicht.

Das Problem in Germersheim: Männermangel
Nevios Aussage „fünf Jungs auf 800 Mädels“ ist sicher übertrieben, aber tatsächlich sind alle Studiengänge für Übersetzer und Dolmetscher weiblich dominiert.
Die mit rund 2.200 Studierenden weltweit größte Ausbildungseinrichtung für Sprachmittler, der Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (FASK) der Uni Mainz in Germersheim, weist einen seit Jahrzehnten konstanten Frauenanteil von rund 80 Prozent auf.
     In Germersheim kommt erschwerend hinzu, dass es am Ort keinen Ausgleich durch männerdominierte Universitätsinstitute gibt. Denn alle anderen Fachbereiche liegen mehr als 100 Kilometer entfernt in Mainz.
    
Die Folge: Frust, Entzugserscheinungen, Triebstau. In Germersheim herrscht Männermangel. Die lebenslustigen jungen Frauen dürfen und wollen, können aber nicht. So schreibt im Studentenforum studis-online.de eine „Trisha“ im Dezember 2006 zur Situation in Germersheim: „Und zum Männeranteil: Auf den ersten Blick sind's verdammt wenige, aber nach und nach findet man doch welche ..."
     Zwar hat
Germersheim immerhin 17.000 Einwohner, aber unter der Wohnbevölkerung können die Studentinnen ihre Sehnsucht nach trauter Zweisamkeit nicht befriedigen. Denn die Dorfjugend besteht je zu einem Drittel aus Pfälzern, Türken und Russen und wird von den Akademikerinnen als unter ihrem Niveau verschmäht.

Die Lösung: Mensa-Disco
Schon vor Generationen hat man sich etwas einfallen lassen, um den Bedarf des Sprachmittlerinnennachwuchses an qualitativ hochwertigen Jünglingen zu decken.
     Während des Semesters findet einmal pro Woche die Tanzveranstaltung „Mensa-Disco“ statt, die so heißt, weil sie meist in der Mensa stattfindet. Aus diesem Anlass werden Jungakademiker aus der eine halbe Autostunde entfernten Universität
Karlsruhe in Kleinbussen herangekarrt. Die Organisatorinnen der Mensa-Disco hängen in der badischen Metropole gezielt an Instituten mit Männerüberschuss Werbeplakate aus, um Frischfleisch für die Germersheimer Studentinnen zu beschaffen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die in Karlsruhe zahlreich vertretenen Informatiker.
     Dabei muss man die Herrschaften nicht lange bitten. Wegen ihres garantierten Frauenüberschusses ist die Mensa-Disco unter Studenten im Umkreis von 100 Kilometern schon seit Langem ein Geheimtipp. Student „Johnny“ läuft bei studis-online.de schon das Wasser im Mund zusammen: „Stimmt es, dass es in Germersheim 'ne ziemlich geile Disco geben soll?“
      Das muntere Treiben ruft sogar kommerzielle Dienstleister auf den Plan. In Karlsruhe bietet sich ein Typ als Organisator an: „Leistungen: Transfer KA – GER, Abendprogramm, italienische Reiseleitung“.
     Klar, dass die Mensa-Disco auch viel Gesocks anlockt. Aber die Veranstalterinnen achten auf Qualität. Um Proleten fernzuhalten, kommt nur rein, wer einen gültigen Studentenausweis vorzeigen kann.

[Text: Richard Schneider. Quelle: kino.de, 2007-03; Wikipedia.] www.uebersetzerportal.de