2001-02-18
Übersetzer in Gewissensnot: Ausgangsmaterial „in den Main geworfen“
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte ein Gespräch zwischen dem deutschen Philosophen Peter Sloterdijk und dem umstrittenen amerikanischen Genforscher J. Craig Venter arrangiert. Die Tonbandaufzeichnung der in englischer Sprache geführten Diskussion über den ethischen Hintergrund dieser Forschungen sollte von Matthias Grässlin übersetzt und wenig später in der Zeitung veröffentlicht werden. 
    Grässlin, ehemals Praktikant bei dem Frankfurter Blatt, erfahrener Buchübersetzer und seit drei Jahren von der FAZ immer wieder mit dem Schreiben von Artikeln und Übersetzungen betraut, teilte dem zuständigen Redakteur jedoch mit, er habe den Mitschnitt des Gesprächs vernichtet. Denn er habe es nicht verantworten können, die Gedanken Venters veröffentlicht zu sehen. „Venter denkt nicht an Ethik, sondern nur ans Geld.“ Das Tonband habe er deshalb in den Main geworfen. Diese Behauptung schien durchaus glaubhaft, da Grässlin nur einen Steinwurf vom Flussufer entfernt wohnt.
    Fassungslos kündigte Wissenschaftsredakteur Joachim Müller-Jung dem sich um die Menschheit sorgenden Übersetzer an, die Hausjuristen auf ihn anzusetzen und Schadensersatzforderungen geltend zu machen. 
    Für den bereits fest eingeplanten Feuilleton-Artikel über die Diskussion zwischen Venter und Sloterdijk musste FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher dann notgedrungen aus dem Gedächtnis einige Zeilen zu Papier bringen. 
    Mittlerweile hat Grässlin („Als Übersetzer behalte ich mir vor, inhaltlich Einfluss zu nehmen“) das Band aber doch noch herausgerückt. Das Gespräch soll jetzt übers Wochenende übersetzt und Anfang nächster Woche veröffentlicht werden.
    Grässlin gekränkt: „Die haben mich journalistisch nicht zum Zuge kommen lassen. Dieser Akt war eine Art Befreiung.“
[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Welt, Berliner Zeitung.] www.uebersetzerportal.de