2001-11-30
Deutscher Zukunftspreis für Verbmobil und Wolfgang Wahlster
Für das von ihm geleitete Verbmobil-Projekt ist Wolfgang Wahlster am 29.11.2001 in Berlin vom Bundespräsidenten mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet worden. Dieser ist mit 500.000 DM recht üppig dotiert. Die in der Verleihungsurkunde genannte Begründung:
Für seine hervorragende wissenschaftliche und technische Innovation, sprachverstehende Computer als Dialog- und Übersetzungsassistenten, welche die Spracherkennung mit der Sprachanalyse und dem Sprachverstehen in Form einer semantischen Interpretation und einer konfidenzbasierten Selektion unterschiedlicher Verarbeitungspfade verbindet, und damit einen Dialog in der Alltagssprache einschließlich der Übersetzung in eine und aus einer Fremdsprache ermöglicht. Er führte das Wissenschaft und Wirtschaft übergreifende Verbundprojekt „Verbmobil“ mit einer Vielzahl marktfähiger Produkte und mehreren Firmenneugründungen zu einem internationalen Erfolg.
Rund 100 Informatiker, Sprachpsychologen, Linguisten, Übersetzer und weitere Spezialisten haben von 1993 bis zum Jahr 2000 für das Verbmobil-Projekt gearbeitet. 
    Zwanzig marktfähige Produkte sind bislang daraus hervorgegangen. Einige Beispiele:
  • Die sprachgesteuerte Zug-Auskunft von Philips, Tel. (0241) 604020. Ähnliche Systeme existieren auch für die Ansage von Kinoprogrammen.
  • Das automatische E-Mail-System „XM-MailMinder“ des Unternehmens XtraMind kann den Inhalt eines elektronischen Postfachs lesen, analysieren und nach Themen sortieren. Viele Mails kann es sogar beantworten, denn bei Großunternehmen beziehen sich viele Anfragen auf immer denselben Themenkreis (www.xtramind.de). 
  • Sympalog (www.sympalog.de) hat telefonische Dialogsysteme entwickelt. Unter der Rufnummer (09131) 610022 erteilt ein Demosystem fiktive Aktienauskünfte.
  • Rechtschreibfehler-tolerante Suchfunktionen im Internet (z.B. bei www.faircar.de und www.sonicson.de). 
  • Angebote, bei denen E-Mails durch den Computer vorgelesen werden.
  • Mercedes-Benz hat ein bis auf Lenkung und Bremsen weitgehend sprachgesteuertes Auto entwickelt (Prototyp). Einige Funktionen stehen in der S-Klasse offenbar bereits zur Steuerung von Radio und Klimaanlage zur Verfügung.
  • Sony hat die Verbmobil-Technik in das deutsche Sprachverstehmodul seines Roboterhundes „Aibo“ integriert, der auf Kommando einen Ball suchen und Pfötchen geben kann. (Der Wauwau ist für 4.500 DM im Handel erhältlich. Ein prima Weihnachtsgeschenk!). 
Im Lauf der Jahre wurden acht Firmen gegründet, die einzelne Komponenten des Systems vermarkten. Auf diese Weise sind dreihundert neue Arbeitsplätze entstanden. 
    Auf dem Gebiet der Verarbeitung von Spontansprache nimmt Deutschland durch das Projekt eine weltweit führende Rolle ein.
    Wahlster ist Jahrgang 1953. Er hat Linguistik und Informatik studiert und sich seitdem immer in diesen beiden Welten bewegt. 
    Seit 1996 ist er technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer des 1988 als gemeinnützige GmbH gegründeten Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI GmbH) in Saarbrücken und Kaiserslautern. Das Institut versteht sich als Partner für Innovationen in der Wirtschaft.
Hierzu gehört die anwendungsorientierte Grundlagenforschung und die markt- und kundenorientierte Entwicklung einzelner Produktfunktionen. 
    Alle Arbeiten werden in Form zeitlich befristeter und klar umrissener Projekte organisiert, die zu patentierten Lösungen, Prototypen oder Produktfunktionen führen. Derzeit werden mehr als 51 Projekte betreut. Der Projektfortschritt wird einmal im Jahr durch eine unabhängige Gutachtergruppe überprüft. 
    Lobend hervorzuheben ist sicher auch das praxisorientierte Konzept des Deutschen Zukunftspreises. Im Jahr 2000 wurden die Entwickler von MP3, einem Verfahren zur Komprimierung von Musikdateien, ausgezeichnet.
[Richard Schneider. Quelle: Phoenix, Bocholter-Borkener Volksblatt, Saarbrücker Zeitung, DFKI]

Der
Deutsche Zukunftspreis