2002-01-05
Der Cent und die Aussprache: [s]ent oder [ts]ent?
„Es reicht, wenn wir die DM aufgeben. Dann sollen wenigstens die Namen der Münzen deutsch gesprochen werden“, hat Prof. Dr. Walter Krämer, der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache (VDS), an Silvester gefordert. 
    Anlass für seinen Zwischenruf war eine Richtlinie des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Dieses hatte seine Sprecher angewiesen, den Cent stets englisch, also mit stimmlosem s, auszusprechen. In den Ohren von Krämer ist dies jedoch eine „würdelose Anbiederung an eine fremde Sprache und Kultur“. Im Deutschen müsse es vielmehr [ts]ent heißen.
    Tatsächlich gibt es in der deutschen Hochsprache das stimmlose s nur in der Wortmitte und am Wortende. Am Wortanfang kommt es lediglich in Fremdwörtern wie Sex, Single und Center vor. 
    Unterstützung bekommt Krämer diesmal ausnahmsweise auch von der altehrwürdigen Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS, 1947 gegründet, 2.500 Mitglieder). Die im Vergleich zum quirligen VDS (1997 gegründet, 13.000 Mitglieder) verschlafen und elitär wirkende GfdS stand den öffentlichkeitswirksamen Aktionen des boomenden Konkurrenzvereins bislang meist kritisch bis abschätzig spöttelnd gegenüber.
    Gerhard Müller von der GfdS: „Das [mit der Cent-Aussprache] sehen wir ähnlich, aber man soll ja keine Glaubensfrage draus machen. Die Eingliederung in den nationalen Wortschatz vereinfacht das Sprachleben. Wir sagen schon seit dem 15. Jahrhundert ,Zentner' (hundert Pfund), obwohl es vom lateinischen ,centum' (hundert) kommt.“
    Das gescholtene ZDF hat unterdessen eine telefonische Zuschauerbefragung durchgeführt, zu der heute-journal-Moderator Wolf von Lojewski aufgerufen hatte. Bis Freitagmittag hatten nach Angaben des Senders mehr als 15.000 Zuschauer ihr Votum abgegeben. Das Zwischenergebnis der Umfrage, die noch bis Sonntagabend läuft, ist eindeutig: 70,1 Prozent sind für die deutsche Aussprache [ts]ent. 29,9 Prozent haben sich für [s]ent entschieden. 
    Ein ZDF-Sprecher hatte am Dienstag noch erklärt, die Anweisung an die Moderatoren sei im europäische Sinne getroffen worden, um eine einheitliche Aussprache im Euro-Raum zu gewährleisten. Ein Argument, das von Unkenntnis der sprachlichen Gegebenheiten in Europa zeugt. Denn nur in einigen wenigen Euro-Ländern wird der Cent wie im Englischen ausgesprochen. Und ausgerechnet die Briten, denen das ZDF offenbar eine sprachliche Führungsrolle zuerkennt, stehen dem Euro mehrheitlich nach wie vor ablehnend gegenüber und haben ihn (noch) nicht eingeführt.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Neue Zürcher Zeitung, Walsroder Zeitung, Rheinische Post, www.vds-ev.de. Bild: Krämer.]

  Walter Krämer