2002-01-18
Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Angst vor Anglizismen übertrieben, aber deutsche Wissenschaftssprache durch „BSE“ in Gefahr
Die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, ein 1949 gegründeter elitärer Zirkel aus 170 gewählten Mitgliedern, hat am 17.01.2002 in Berlin ein Memorandum vorgestellt, das sie gemeinsam mit der Kulturstiftung der Länder und Sprachwissenschaftlern erarbeitet hat.
    Denglisch ungefährlich – In der vor allem vom Verein Deutsche Sprache (VDS) in den letzten Jahren immer wieder angefachten Debatte über den zunehmenden Einfluss des Englischen auf die Deutsche Sprache empfiehlt die Akademie Gelassenheit. Der Eindruck, die eigene Sprache werde von Fremdwörtern überflutet, bestehe häufig nur subjektiv. Nach jüngsten Untersuchungen liege der Anteil englischer Wörter z.B. in der Computer-Sprache bei unter fünf Prozent. Die Gefährlichkeit der Anglizismen werde grundsätzlich überschätzt.
    Wissenschaftssprache: Deutsch ade – Der Germanist Peter Eisenberg, Professor an der Uni Potsdam, erklärt, die deutsche Sprache sei dabei, sich aus ganzen Wissenschaftszweigen zu verabschieden. Diese würden in Deutschland und weltweit nur noch auf Englisch betrieben. Englisch sei die Hauptsprache der Kongresse und Publikationen. Und auch an vielen Forschungsinstituten sei Englisch mittlerweile die alleinige Sprache. „Ein Studiengang ist nicht deswegen gut, weil er auf Englisch angeboten wird“, meint Eisenberg. Deutsche Universitäten würden dies oft fälschlich als Indiz für eine Modernisierung begreifen. Er empfiehlt den Wissenschaftlern mehr Selbstbewusstsein und den bewussten Gebrauch des Deutschen. Durch die Ausgrenzung in der Wissenschaft werde die deutsche Sprache in innovativen Bereichen nicht weiterentwickelt. 
    Öffentliche Diskussion in Gefahr – Wenn immer mehr Bürger auf Gebieten wie Gentechnik oder Globalisierung nur noch „Bahnhof“ verstehen, ist der „demokratische Diskurs“ in Gefahr, so Prof. Dr. Christian Meier, der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Der Historiker sieht eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft der Sprachkenntnisse“ aufkommen.
    In letzter Konsequenz könne das bedeuten, dass viele Bürger den aktuellen Diskussionen gar nicht mehr folgen können. In der Medizin und den Biowissenschaften stünden wichtige politische Entscheidungen an. Die Frage laute: Können diese Themen hinreichend öffentlich erörtert werden, wenn alle fachinternen Debatten ausschließlich auf Englisch ablaufen?
    „BSE“: bad simple English – Die Wissenschaftler bemängeln die Qualität der von Deutschen produzierten englischen Sprache. Meist handle es sich um „BSE“, also „bad simple English“. Dieses verdränge an Universitäten überall auf der Welt zunehmend die jeweilige Muttersprache.
    Sprachstelle vorgeschlagen – In dem Memorandum wird die Einrichtung einer Stelle für Sprachfragen vorgeschlagen, in der Übersetzer, Wissenschaftler und Schriftsteller in Zusammenarbeit mit Wörterbuchverlagen neue Ausdrücke vorschlagen und für die Öffentlichkeit wichtige Texte in einer „durchsichtigen“ Sprache verfassen sollen. 
    Gesetzliche Regelungen abgelehnt – Gesetze zur Sprachregelung nach französischem Vorbild lehnt die Akademie ab. Dazu Meier: „Eine Sprachpolizei kommt nur dem Kabarett zugute.“
    Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung im Internet:
www.deutscheakademie.de.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Berliner Morgenpost, Frankfurter Rundschau, Hannoversche Allgemeine, Kölner Stadtanzeiger, Süddeutsche Zeitung. Bild: Meier, Eisenberg.]
  Christian Meier hat das
  Memorandum vorge-
  stellt. „Es droht eine 
  Zwei-Klassen-Gesell-
  schaft der Sprachkennt-
  nisse.“ 

  Peter Eisenberg: „Die
  deutsche Sprache ist
  dabei, sich aus ganzen
  Wissenschaftszweigen zu
  verabschieden.“