2002-01-26
Da sind wir aber beruhigt: „deutsche Sprache im Inland weithin akzeptiert“
Berlin, 24.01.2002: Der Bundestag war spärlich besetzt, denn es ging an diesem Tag nur um Belanglosigkeiten wie die deutsche Sprache.
    Die CDU/CSU-Fraktion hatte im Rahmen einer Großen Anfrage einen Fragenkatalog mit fünfundsiebzig Punkten zur „Verbreitung, Förderung und Vermittlung der deutschen Sprache“ eingereicht. 
    Die Antwort der Regierung lag zur Debatte bereits in schriftlicher Form vor. In ihr findet sich der folgende schöne Satz: „Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass die deutsche Sprache im Inland weithin akzeptiert wird.“ Sprachwissenschaftler hatten das Papier bereits vorab als Schönfärberei kritisiert. 
    Einige Ausschnitte aus der Debatte:
    Erika Steinbach (CDU/CSU): „Die Antworten der Bundesregierung sind von tiefster Zufriedenheit durchdrungen. Der Bundesregierung macht es keine Sorgen, dass das Interesse an der deutschen Sprache weltweit abnimmt, auch in unseren europäischen Nachbarländern.“
    „Sprachpflege, Sprachfähigkeit und Sprachverständnis werden in deutschen Schulen [...] nur unzulänglich vermittelt.“
    „[...] dass heute durch Werbung und mangelhafte deutsche Produktbeschreibung Millionen von Menschen vom Dialog im eigenen Heimatland ausgegrenzt sind, da dieser nicht mehr muttersprachlich geführt wird. Sie werden zu sprachlichen Analphabeten im eigenen Lande gemacht.“
    „Wer kein Englisch gelernt hat, versteht das Hinweisschild ,fasten your seat belt' in einem Taxi eben nicht und hat doppeltes Pech, wenn er auf einen Taxifahrer trifft, der wiederum kaum Deutsch versteht und spricht.“
    „Es ist mehr als eine Zumutung, muss ich Ihnen sagen, wenn die ältere Dame beim Einkauf im Supermarkt die Duftnote von Teelichtern erschnüffeln muss, weil sie nicht weiß, dass Strawberry Erdbeere oder Blueberry Blaubeere heißt. Das ist eine Entwürdigung von Menschen und das ist zutiefst unsozial.“
    Dr. Peter Eckardt (SPD): „Am Bedeutungsverlust des Französischen in der Welt und in Europa kann man ablesen, wie trotz der Schutzgesetze und Förderprogramme dieser Prozess nicht aufzuhalten war.“
    „Sie [die deutsche Sprache] muss lediglich vor Politikern und Journalisten geschützt werden, die ihr oft arg mitspielen.“
    Gerhard Schüßler (FDP): „Essen Sie gerne Äpfel? Wenn ja und wenn Sie heute Mittag zufällig im Restaurant gewesen sein sollten, haben Sie sich sicherlich über die dort kostenlos dargebotenen Äpfel aus Südtirol gefreut. Wenn Sie sich einen solchen Apfel genauer angesehen haben, dann haben Sie auf jedem einen Aufkleber bemerkt, der wohl Aufschluss über den Namen der Apfelsorte geben soll. Wohlgemerkt: Der Apfel kommt aus Südtirol. Er hat aber weder einen italienischen noch einen deutschen Namen, sondern er heißt 'Pink Lady'.“ (Heiterkeit im ganzen Hause. Monika Griefahn [SPD]: „So sieht er aber nicht aus!“)
    „Es kann schon grausam sein, die Sprache mancher Moderatoren im deutschen Fernsehen 'genießen' zu müssen.“
    „Zu Zeiten der Regierung Kohl haben wir noch ein Sonderprogramm für die deutsche Sprache mit einem Volumen von 40 Millionen DM aufgelegt. Davon ist heute keine Rede mehr.“ 
    Dr. Ludger Volmer (Grüne), Staatsminister im Auswärtigen Amt: „Wir können nur dann glaubwürdig für die deutsche Sprache im Ausland werben, wenn wir selbst Fremdsprachen lernen.“
    „Im Rahmen des Programms 'International ausgerichtete Studiengänge' fördert die Bundesregierung deshalb mit 35 Millionen Euro 52 Studiengänge, in denen verstärkt Englisch verwendet wird. So lässt sich Deutschland als Wissenschaftsstandort attraktiv erhalten.“
    „In wichtigen Partnerstaaten, wie Frankreich und den Niederlanden, ist die Zahl der Deutschlernenden rückläufig oder nimmt die Intensität des Unterrichts ab.“
    „Um Verbreitung, Pflege und Vermittlung der deutschen Sprache auf dem immer wichtiger werdenden elektronischen Wege macht sich zum Beispiel auch die Deutsche Welle verdient. Sie präsentiert ein weltweites Fernseh-, Radio- und Internetangebot, das von der Bundesregierung in 2001 mit etwa 290 Millionen Euro finanziert wurde.“
    „Die Bundesregierung legt großen Wert darauf, dass Deutsch als die Sprache mit der größten Zahl an Muttersprachlern in der EU – sie ist im Internet übrigens die am zweithäufigsten benutzte europäische Sprache – in den Institutionen angemessen berücksichtigt wird. Die Bundesregierung wendet sich mit Nachdruck gegen eine Veränderung des Sprachenregimes in den verschiedenen EU-Gremien zu Ungunsten der deutschen Sprache.“
    Maritta Böttcher (PDS): „Ich halte jegliche Pflege des Fremdsprachenunterrichts, auch wenn er seine Dividende nicht in Euro und Cent ausweisen kann, für eine der wichtigsten Zukunftsinvestitionen. (Beifall bei der PDS) Das Erlernen der Sprache des Fremden führt dazu, dass er dies nicht mehr ist.“
    „Es mag für Sprachforscher oder Soziologen von Wert sein, zu ergründen, warum in den großen Industriestaaten das Interesse am Deutschlernen nachgelassen hat. Politischen Handlungsbedarf sehe ich deshalb nicht.“
    Professor Dr. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister beim Bundeskanzler: „Ich habe erstens nicht gesagt, dass Deutsch als Wissenschaftssprache tot sei, sondern ich habe [...] gesagt [...], dass Deutsch als internationales Verständigungsmittel in der Wissenschaft ebenso wie das Französische unterdessen bei rund 1 Prozent angelangt sei und dass es unrealistisch sei, zu glauben, man könne dies wieder grundlegend ändern. Zweitens habe ich darauf hingewiesen, dass man sich an der jüngeren Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland versündigen würde, wenn man ihnen den Rat erteilen würde, nicht auch auf Englisch zu publizieren, weil sie nur so ein internationales Renommee aufbauen können.“ 
    „Als ich – von 1994 bis 1997 – Präsident der Gesellschaft für Analytische Philosophie war, habe ich die Praxis geändert, dort internationale Kongresse lediglich in englischer Sprache abzuhalten, und dafür gesorgt, dass diese Kongresse zweisprachig, nämlich in deutscher und englischer Sprache, abgehalten werden.“
    Einig waren sich alle Seiten, dass gesetzgeberische Maßnahmen zum Schutz der deutschen Sprache nicht sinnvoll sind.

Unser Kommentar: Warum die sonst doch so stark an kulturellen Fragen interessierten „Linken“ die Initiativen in diesem Bereich stets bereitwillig den Konservativen überlassen, wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben. Das linke Lager behandelt die von der Bevölkerung ganz offensichtlich durchaus als relevant empfundenen Fragen so, wie es bis 1989 die Frage der deutschen Einheit behandelt hat: abwiegeln, herunterspielen, nicht ernst nehmen und am besten vollständig ignorieren.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, FAZ. Bild: Lammert, Neumann.]

  „Unsere“ Jungs im 
  Bundestag: Norbert 
  Lammert (oben) und 
  Bernd Neumann 
  (unten), die Initiatoren 
  der Großen Anfrage zur 
  deutschen Sprache.