2002-02-06
Spracherwerb: Ausdauer macht den Meister
Ausdauer und intensives Training scheinen beim Spracherwerb wichtiger zu sein als ein möglichst frühzeitiges Erlernen der Sprache. Zu dieser Erkenntnis sind Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitive Neurowissenschaften in Leipzig gelangt. 
    Damit widerspricht das Team um Angela Friederici der Theorie, wonach nur derjenige eine Fremdsprache vollkommen und gewissermaßen „im Schlaf“ beherrschen kann, der sie frühzeitig und möglichst in den ersten zehn Lebensjahren erlernt.
    Frühere Studien hatten gezeigt, dass das Gehirn von Versuchspersonen, die früh eine Fremdsprache erlernt hatten, auf Grammatik- und Ausdrucksfehler nach einem ganz bestimmten Muster reagiert. Sprachfehler von „späten“ Lernern hatten hingegen völlig andere Hirnströme erzeugt.
    Um dieses Phänomen näher zu untersuchen, wurde am Max-Planck-Institut in Leipzig und an der Georgetown-Universität in Washington eine künstliche Sprache entwickelt. Die von den Forschern BROCANTO getaufte Kunstsprache besteht aus nur 14 Wörtern und einer kurzen Liste grammatischer Regeln.
    Diese Sprache wurde zwei Gruppen von 28 Erwachsenen beigebracht. Die eine Gruppe erhielt dabei eine wesentlich intensivere Schulung als die andere.
    Zur allgemeinen Überraschung reagierten die gut trainierten und die ungeübten Teilnehmer auf in BROCANTO gemacht Grammatikfehler nicht anders als Menschen, die in ihrer Muttersprache geprüft wurden.
    Die Forscher schließen daraus, dass auch eine in späteren Jahren erlernte Sprache vom Hirn völlig automatisch verarbeitet werden kann. Demnach wäre nicht das Erlernen im frühen Alter, sondern der Grad der Sprachbeherrschung dafür ausschlaggeben, ob das Gehirn automatisch oder mühsam auf eine sprachliche Herausforderung reagiert.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Merkur online, Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Bd. 99, S. 529.]