2002-02-15
Stilblüten der EU-Sprachmittler
Die Dolmetscher und Übersetzer der EU-Institutionen sind oft Zeuge oder sogar Urheber sprachliche Missverständnisse der heiteren Art. Dies gilt insbesondere für Sitzungen, in denen es um Agrarthemen geht. 
    Einmal wurde über „gefrorene Samen“ für die künstliche Befruchtung von Kühen gesprochen, ein Übersetzer machte in einem Schriftstück daraus „frozen seamen“ (gefrorene Seeleute). 
    Ein anderes Mal meldete sich eine dänische Abgeordnete lebhaft zu Wort, der Vorsitzende ging aber streng nach seiner Liste der Wortmeldungen vor. Als die Dame an der Reihe war, wollte er auf Französisch sagen: „Ich weiß, ich habe sie schon drei Mal übersprungen.“ Doch das Französische „sauter“ heißt auch „bespringen“, was bei den Experten für Ackerbau und Viehzucht allgemeines Gelächter auslöste.
    Parlamentarier, die versuchen, sich in einer Fremdsprache zu äußern, werden oft Opfer „falscher Freunde“. Beispiel: Das französische „sentir“ heißt spüren, das italienische „sentire“ heißt hören. Zudem werden in beiden Sprachen „Zunge“ und „Sprache“ mit demselben Wort ausgedrückt. Nachdem ein Franzose sich bei einem Italiener in dessen Muttersprache höflich bedankt hatte („Grazie, signor presidente!“) wollte der Italiener höflich sein und auf Französisch sagen: „Es freut mich sehr, meine Sprache aus ihrem Mund zu hören.“ Daraus wurde: „Es ist mir ein Vergnügen, meine Zunge in ihrem Mund zu spüren.“
    Durch den Beitritt Österreichs wurde der Wortschatz des in den EU-Institutionen gesprochenen Deutschen enorm bereichert. Beispiele hierfür sind „Jänner“ (Januar), „heuer“ (in diesem Jahr), „Pickerl“ (Klebeetikette), „Landeshauptmann“, „Mandatar“ (Abgeordneter), „Klubchef“ (Fraktionsvorsitzender), „inskribieren“ (Vorlesungen an der Uni belegen), „pragmatisieren“ (verbeamten) sowie die „Erdäpfel“ und eine Vielzahl weiterer Obst- und Gemüsesorten. Dies stellt gerade für die Dolmetscher anderer Länder eine große Hürde dar, da diese ihr Deutsch in der Regel irgendwo zwischen Hamburg und München erlernt haben.
    Der aus dem österreichischen Bundesland Tirol stammende Agrarkommissar Franz Fischler erklärte im Europaparlament einmal: „Die Krot werden wir schlucken müssen.“ Keiner der Dolmetscher erkannte, dass mit „Krot“ die sprichwörtliche „Kröte“ gemeint war. 
    In den EU-Institutionen Parlament, Rat, Kommission, Gerichtshof, Rechnungshof, Wirtschafts- und Währungsausschuss und Ausschuss der Regionen sind rund 3.000 Übersetzer und 1.000 Dolmetscher fest angestellt. Diese werden bei Bedarf um Freiberufler ergänzt.
    Das größte Kontingent entfällt mit rund 1.900 Sprachmittlern auf die EU-Kommission. Davon sind drei Viertel Übersetzer und ein Viertel Dolmetscher. Das Europäische Parlament verfügt über 600 Übersetzer und 250 Dolmetscher.
    Allein der Übersetzungsdienst der EU-Kommission muss pro Jahr rund 1,2 Millionen Seiten bewältigen. Das entspricht einem Papierturm von 120 Metern Höhe. Derzeit besteht ein Rückstau von etwa 121.000 Seiten.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Salzburger Nachrichten. Bild: EU.]
Das Europaparlament in Straßburg: 600 Übersetzer, 250 Dolmetscher. 

EU-Kommissar Franz Fischler (Österreich): "Die Krot werden wir schlucken müssen."