2002-02-28
Die Hälfte aller Sprachen stirbt in diesem Jahrhundert aus
Am Tag der Muttersprache, dem 21. Februar, hat die UNESCO für den Erhalt der Sprachenvielfalt geworben und auf das sich rasant beschleunigende Sprachensterben hingewiesen. Sprachwissenschaftler gehen davon aus, dass in diesem Jahrhundert mindestens die Hälfte der zurzeit existierenden 6.000 Sprachen aussterben werden. 
    Denn 96 Prozent der Sprachen werden von nur vier Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. Einigen großen Sprachgruppen wie Mandarin mit 885 Millionen Sprechern oder Englisch und Spanisch mit je über 220 Millionen stehen 5.000 Minisprachen mit jeweils weniger als 100.000 Sprechern gegenüber. 
    400 Sprachen stehen kurz vor dem Aussterben, etwa 50 haben nur noch einen Sprecher. In Australien sind von den einst 250 Sprachen der Ureinwohner gerade einmal noch 25 übrig. Alle zwei Wochen verschwindet eine Sprache von unserem Globus.
    In ihrem Roten Buch führt die UNESCO auch 73 europäische Sprachen als gefährdet auf, darunter Irisch und Bretonisch.
    Im deutschen Sprachraum werden das westlich von Bremen beheimatete Saterfriesisch, das nur noch von 2.000 Menschen beherrscht wird, und das in einigen Regionen Sachsens und Brandenburgs gesprochene Sorbisch mit 60.000 Sprechern die nächsten Jahrzehnte nicht überleben.
    Eine enorme Vielfalt herrscht hingegen immer noch in Papua-Neuguinea. Dort kommunizieren 3,5 Millionen Menschen in 850 bis 1.000 verschiedenen Sprachen. Und allein in Nigeria, Kamerun, Äthiopien, Indien und Indonesien existieren jeweils mehr als 100 Sprachen.
    „Sprachen verändern sich, Sprachen sterben. Das ist ganz normal“, so der walisische Linguist David Crystal, Autor des Buches Language Death. Aber noch nie seien so viele Sprachen so schnell gestorben. 
    In seiner Kleinen Geschichte der Sprache sieht der Neuseeländer Steven Roger Fischer nur Mandarin, Spanisch und Englisch die nächsten 300 Jahre überdauern.
    Paradox: Die Gesamtzahl der Sprachen nimmt zwar stetig ab, die Zahl der in den Industrieländern gesprochenen Sprachen nimmt aber seit Jahrzehnten durch Einwanderung stetig zu. Die daraus resultierende Sprachenvielfalt ist in vielen Städten bereits zu einem massiven Problem geworden. 
    Ein konkretes Beispiel aus dem südpfälzischen Städtchen Germersheim (21.698 Einwohner, davon 4.934 mit nicht-deutscher Muttersprache): Die Schüler der Germersheimer Hauptschule stammen aus ungefähr 20 Nationen. Rund ein Drittel der Kinder hat Türkisch, ein Drittel Russisch und ein Drittel Deutsch als Muttersprache.
    Unverständlich ist, dass diese real existierende Sprachenvielfalt zumindest in den deutschsprachigen Ländern von Politik und Sprachwissenschaft beharrlich ignoriert wird. Jeder Sprachatlas beschreibt ausführlich sprachliche Kinkerlitzchen wie Saterfriesisch und Sorbisch, die allenfalls noch eine folkloristische Bedeutung haben. Untersuchungen zur Situation der tatsächlich verbreiteten Minderheitssprachen, die in vielen Stadtvierteln und Berufsgruppen bereits Mehrheitssprachen geworden sind, existieren praktisch nicht. 
    Dabei ist zum Beispiel das Türkische seit einem halben Jahrhundert in deutschen Landen heimisch und wird von mehreren Millionen Einwohnern gesprochen. Aber selbst simple Bestandsaufnahmen und das bloße Aufzählen der Fakten unterbleiben, um keine ausländerfeindliche Stimmung aufkommen zu lassen. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis sich das De-facto-Einwanderungsland Deutschland auch als solches begreift.


Zweisprachige Straßenschilder in einem Indianerreservat in Kanada (Englisch, Cree)


Straßenschilder in einem "Friesenreservat" auf Amrum


Plattdeutsche Straßenschilder auf der Insel Föhr

[Text: Richard Schneider. Quelle: Hannoversche Allgemeine, Ostsee-Zeigung.]

Zweisprachiges Ortseingangsschild (Deutsch, Sorbisch)