2002-03-01
Aufregung um Äußerungen des saudischen UNO-Botschafters. Schuld war – natürlich – der Dolmetscher
In einer Rede vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat der Botschafter Saudi-Arabiens, Fausi bin Abdul Madschid Schobokschi, Israel scharf kritisiert.
    Das Land begehe an den Palästinensern durch sein militärisches Vorgehen „schwerste Formen des Unrechts und des Rassismus“. Israels derzeitige Politik ziele nicht auf Frieden in Nahost ab. Vielmehr verwickle man die ganze Welt nur deshalb in die Debatte um die Sicherheit des Landes, um den Friedensprozess zu verzögern.
    Er verwies auf die breite Zustimmung, die der jüngste Friedensplan des saudiarabischen Kronprinzen Abdullah weltweit erfahren habe. Abdullah hatte angeregt, alle arabischen Länder sollten Israel anerkennen, wenn sich die Armee aus den besetzten Gebieten zurückziehe. 
    Der stellvertretende israelische UNO-Botschafter Aaron Jacob bezeichnete den saudischen Redebeitrag als „Schimpfrede gegen Israel“.
    Der palästinensische Delegierte Marwan Dschilani hingegen begrüßte die Stellungnahme Saudi-Arabiens. Allerdings seien durch die Übertragung vom Arabischen ins Englische einige der mit dem Abdullah-Plan verbundenen friedlichen Intentionen verloren gegangen.
    Die Strategie, bei umstrittenen Äußerungen die Schuld dem Dolmetscher in die Schuhe zu schieben, ist seit Jahrhunderten unter Diplomaten üblich. Ziel ist, die aufgeregten Gemüter erst einmal zu beruhigen. Dem Vortragenden wird auf diese Weise außerdem die Möglichkeit geboten, die gemachten Aussagen unter Wahrung seines Gesichts zu relativieren oder zurückzunehmen.
    Auch an der weltweit größten universitären Ausbildungsstätte für Dolmetscher und Übersetzer, dem Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft (FASK) der Uni Mainz in Germersheim, weist man die Studenten ausdrücklich darauf hin. Empfohlen wird, die meist ungerechtfertigten Vorwürfe im Interesse der Sache klaglos hinzunehmen. Zumal der Auftraggeber seinen Dolmetscher im Nachhinein meist ins Vertrauen ziehe über die Motive der „Kritik“ aufkläre.
    Ein vergleichbarer Vorgang ereignete sich zuletzt auf der Bonner Afghanistan-Konferenz. Damals war der völlig unschuldige Dolmetscher sogar demonstrativ entlassen und durch einen „kompetenteren“ Kollegen ersetzt worden. (Siehe 2001-11-29: Bonner Afghanistan-Konferenz: ... und Schuld war nur der Dolmetscher.)
[Text: Richard Schneider. Quelle: Financial Times Deutschland. Bild: UNO.]