2002-03-05
EU-Sprachendienste bereiten sich auf Erweiterung vor
Die Vorbereitungen auf die Osterweiterung der EU laufen bereits auf Hochtouren. Ab 2004 sollen aus elf Amtssprachen nach und nach mehr als zwanzig werden. Für jedes beitretende Land müssen rund 40 Dolmetscher und 150 Übersetzer eingestellt werden.
    „Wir können nicht abwarten, bis die Länder beigetreten sind", erklärt Tony Scott, Berater beim SCIC, dem Dolmetschdienst für Kommission und Rat. "Dann wird es zu schwierig, kurzfristig geeignete Leute zu finden.“
    Mittlerweile reist der Brite regelmäßig in die Kandidatenländer, um den Markt vor Ort zu erkunden und Prüfungen durchzuführen. Nicht jeder Dolmetscher genügt den hohen Ansprüchen. Vor allem die Französischkenntnisse sind im Osten meist unzureichend. 
    Daher halten die Organisatoren engen Kontakt zu den Universitäten. Die Ausbildungswege sollen nach Möglichkeit auf die Bedürfnisse der EU abgestimmt werden. „Wir wollen zeigen, dass es einen enormen Bedarf an Topleuten gibt – und dass die Länder sie bereitstellen müssen“, sagt Scott. Die Brüsseler Fachleute bieten ihre Hilfe an, stellen Lehrmaterial zur Verfügung und schicken erfahrene Dolmetscher in die Kurse vor Ort. 
    Der SCIC ermutigt aber auch die gegenwärtig bereits beschäftigten Sprachmittler, die neu hinzukommenden Sprachen zu lernen. 

Zahl der Sprachen erschwert Konferenzen
Mit der Zahl der Amtssprachen steigt auch die der möglichen Sprachkombinationen. Bei einer Konferenz würden dann 105 Dolmetscher gebraucht, von denen jeder vier Sprachen beherrschen müsste. Bisher arbeiten „nur“ 33 Dolmetscher in einer Sitzung. Welche Möglichkeiten gibt es, dieser babylonischen Sprachverwirrung entgegenzuwirken?
    Lösungsvorschlag 1: der Bunker. Während die Politiker in einem Raum sitzen und debattieren, begleiten die Dolmetscher die Diskussion von einem zweiten Raum aus – dem „Bunker“. Das würde das Platzproblem lösen. Viele Konferenzsäle sind nämlich nur mit elf Sprecherkabinen ausgestattet. Nachteil: Die Dolmetscher haben keinen direkten Blick auf die Redner.
    Lösungsvorschlag 2: Relaisdolmetschen. Damit sich künftig nicht fünf oder mehr Dolmetscher in eine Kabine quetschen müssen, um alle Sprachkombinationen abzudecken, soll verstärkt die Methode des Relaisdolmetschens angewandt werden. Dabei wird eine Rede aus einer „kleinen“ Sprache, zum Beispiel Ungarisch, zuerst ins Englische und von dort dann in die eigentliche Zielsprache, etwa Portugiesisch, übertragen. So spart man einen Dolmetscher, nämlich den mit der Sprachenkombination Ungarisch-Portugiesisch.
    Lösungsvorschlag 3: Retourdolmetschen. Auch das eigentlich verpönte Retourdolmetschen soll bald häufiger eingesetzt werden. Anstatt nur aus dem Französischen in seine Muttersprache könnte dann zum Beispiel ein Tscheche auch in die Fremdsprache Französisch dolmetschen. 
    Lösungsvorschlag 4: Asymmetrisches Dolmetschen. Dies bedeutet, dass alle Abgeordneten zwar in ihrer Muttersprache sprechen dürfen, aber nur eine Verdolmetschung in die jetzt bereits bestehenden 11 Amtssprachen stattfindet.
    Trotz all dieser Probleme denkt zurzeit niemand an eine Abkehr von der bisherigen Praxis der Mehrsprachigkeit. „Das ist keine Kosten-Nutzen-Frage. Hier geht es um Respekt vor nationaler Eigenständigkeit“, erklärt Klaus Bischoff vom SCIC.
    Schon heute betreut allein der Dolmetscherdienst der Kommission bis zu 11.000 Sitzungen im Jahr. Der Übersetzungsdienst des Parlaments produziert in derselben Zeit knapp 1,2 Millionen Seiten in elf Sprachen. 
    Rund 800 Millionen Euro kosten alle Sprachendiente zusammengenommen. Dies entspricht allerdings nur 0,8 Prozent des EU-Gesamthaushalts und umgerechnet 2 Euro im Jahr pro EU-Steuerzahler.
[Text: Richard Schneider. Quelle: taz. Bild: EU.]

Die Kandidaten (hellblau)

Das Europaparlament in Straßburg