2002-03-18
IDS-Tagung „Deutsch von außen“: Scheiße, Achtung, arbeiten, Wurst, Butterbrot, Formular ausfüllen
400 Sprachwissenschaftler aus 26 Ländern waren zur 38. Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) nach Mannheim gekommen. Die unter dem Thema „Deutsch von außen“ stehende Veranstaltung fand vom 12. bis 14. März 2002 im Stadthaus am Paradeplatz statt. 
    In einem der 16 Vorträge beschäftigte sich Prof. Dr. Gerhard Stickel, der Direktor des IDS, mit dem Bild der deutschen Sprache im Ausland. Dazu hatte er seine Germanisten-Kollegen im Ausland gebeten, Menschen zu befragen, die keine oder nur geringe Deutschkenntnisse besitzen. „Die Innensicht der Außensicht“ nannte Stickel seine Ausführungen, in denen er über die wenig schmeichelhaften Ergebnisse berichtete.
    Der Klang der deutschen Sprache – In Frankreich ist man der Auffassung, Deutsch werde eher „gebellt, gekläfft und gespuckt“ als gesprochen. In anderen Ländern wird der Klang mit dem Gurgeln eines Abflussrohrs verglichen. In der Türkei ist man der Auffassung, militärische Befehle hätten in keiner anderen Sprache einen besseren Klang als auf Deutsch. In Italien gilt Deutsch als unmelodisch, in Spanien als trocken und hart. Dazu passt die ungarische Einschätzung, nach der deutsch gesungene Lieder nicht schön klingen, was auch die Spanier finden.
    Typisch deutsche Ausdrücke – Stickel hatte auch nach „typisch deutschen Wörtern“ fragen lassen, die ohne großes Nachdenken mit der deutschen Sprache in Verbindung gebracht werden. Den Franzosen fällt immer noch „Panzer“, „Blitz“ und „Achtung“ ein, aber auch Alltagsvokabeln der Touristenhorden wie „Scheiße“, „Butterbrot“ „Schnaps“ und „Wurst“. Die Finnen denken an „Sauerkraut“ und Markennamen deutscher Autos, die Spanier an „Achtung“, „Alarm“ und „halt“. Aus Polen kommen Redewendungen wie „Ordnung muss sein“ und allerlei Befehle wie „Klappe zu“, „Hände hoch“, „los“, „schnell“ und „raus“. Die Türken wiederum halten „Disziplin“, „streng verboten“ und „Formular ausfüllen“ für besonders deutsch, worin sich die Erfahrung ganzer Generationen türkischer Auswanderer widerspiegeln dürfte. Den Spaniern klingen „Kartoffel“, „Sauerkraut“, „Achtung“, „Alarm“ und „Halt“ im Ohr. Nur für Japaner sind Wörter wie „Romantik“ und „Geist“ gleich präsent. Oder „Karte“, was damit zusammenhängt, dass bei vielen japanischen Ärzten die Krankenakten nach deutschem Vorbild geführt werden.
    Positives berichtete die Sprecherin des Goethe-Instituts, Julia Cortis: „Ich weiß, dass gerade Russen die deutsche Sprache sehr ruhig und wohlklingend finden.“ Außerdem schätzten Ausländer die Geschmeidigkeit der deutschen Sprache. „Deutsch ist so unglaublich produktiv“, meint Cortis: Im Deutschen könne man vieles mit vielem sagen, Worte kombinieren und Nomina aus Adjektiven herleiten.
    Für die norwegische Germanistin Cathrine Fabricius-Hansen ist das Deutsche eine „reife“ und nicht eine „schwere“ Sprache. Der hypotaktische Satzbau und der Konjunktiv etwa machten die Grammatik zwar nicht gerade leichter, verschafften aber der Schriftsprache präzisere und differenziertere Ausdrucksmöglichkeiten. 
    Der niederländische Linguist Werner Abraham charakterisiert die deutsche Sprache als „überspezifizierend, aber diskursökonomischer“ als etwa das Englische oder die skandinavischen Sprachen. 
    Deutschlerner im Ausland – Die Zahl der Deutschlerner geht weltweit dramatisch zurück, so Joachim Umlauf vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Referenten aus England, Frankreich und Spanien bestätigten diese Einschätzung. Die Teilnehmer riefen deshalb dazu auf, die auswärtige Kulturpolitik nicht noch weiter zurückzufahren. Vielmehr solle sie ausgebaut werden, um den zahlreichen Vorurteilen über die deutsche Sprache entgegenzuwirken.
    Der englische Germanist Martin Durrell forderte die Deutschen auf, ihre „Weltuntergangsstimmung“ zu überwinden. Die Meinung, die deutsche Sprache werde nur noch wenige Generationen überdauern, sei unbegründet. Das Englische sei und bleibe im deutschen Sprachraum nur eine Hilfssprache. 
    In Mittel- und Osteuropa ist das Interesse an der deutschen Sprache – anders als zum Beispiel in Frankreich und Spanien – nach wie vor groß. Dort herrscht die Auffassung vor, die deutsche Sprache sei nützlich, ihr Erwerb lohne sich und zahle sich wirtschaftlich aus.
    Aber auch die Deutschen selbst sollten nach Auffassung von Gerhard Stickel mindestens zwei europäische Fremdsprachen lernen, um dem Überhandnehmen des „BSE“ (Bad Simple English) entgegenzuwirken. 
[Text: Richard Schneider. Quelle: IDS, Mannheimer Morgen, Rheinpfalz, Welt, FAZ, NRZ. Bild: IDS.]

Gerhard Stickel