2002-03-19
Keine Dolmetscherin für Berberisch: Prozess droht zu platzen
Ein Prozess um eine 22-jährige Frau, die von ihrem Ehemann vergewaltigt, verletzt und bedroht worden sein soll, droht zu platzen, weil keine geeigneten Dolmetscherinnen für Berberisch zu finden sind.
    Die beiden für den ersten Verhandlungstag bestellten Dolmetscherinnen wurden wieder entlassen, weil sie den Anforderungen nicht entsprachen. 
    Auch der zweite Versuch mit neuen Dolmetscherinnen scheiterte. Denn eine der beiden sprach lediglich Arabisch. Die andere begann, mit der Zeugin zu diskutieren, was umgehend von der Verteidigung des Mannes gerügt wurde. „Sie müssen Wort für Wort übersetzen. Auch wenn die Zeugen Kraut und Rüben reden“, wurde sie vom Richter ermahnt.
    Die Suche nach halbwegs qualifizierten Dolmetschern gestaltet sich auch deshalb so schwierig, weil die 22-jährige Marokkanerin keinen Mann als Dolmetscher akzeptiert. 1999 floh sie vor ihrem Mann ins Frauenhaus.
    In Marokko, dem Heimatland der Klägerin, werden die Berbersprachen von der politischen Führung bewusst gegenüber dem Arabischen benachteiligt, obwohl sie nach offizieller Zählung von 30 bis 40 % der Bevölkerung gesprochen werden. Berbersprachen werden an keinem Dolmetscherinstitut unterrichtet.
    Das Berberische zerfällt durch die Verteilung auf Sprachinseln in zahlreiche Einzelsprachen und Dialektgruppen. Wahrscheinlich hat es nie eine gemeinsame Standardsprache gegeben, obwohl sich politische Aktivisten in den Maghrebstaaten auf eine gemeinsame sprachliche Identität in vorislamischer Zeit berufen. Beispiele für Berbersprachen sind Siwi (in der Oase Siwa in Ägypten), Nefusi (im westlichen Libyen), Tuareg (in der südalgerischen und nigerischen Sahara) und Zenaga (an der mauretanischen Atlantikküste). Größere sprachliche Einheiten existieren in Marokko und Algerien (Kabylei).
[Text: Richard Schneider. Quelle: Neue Ruhr/Rhein Zeitung, 2002-03-19; diverse Sprachen-Sites. Bild: People Tree.]

Berberin (Tunesien)