2002-03-22
Das große Fressen: SDL International schluckt ALPNET
Für rund 7 Mio. USD hat SDL International (Maidenhead, Großbritannien) den amerikanischen Sprachenmulti ALPNET (Salt Lake City) übernommen. Davon ist auch die Stuttgarter ALPNET Deutschland GmbH & Co. KG betroffen, eine hundertprozentige Tochter der ALPNET Inc.
    SDL, das in erster Linie Übersetzungssoftware anbietet, will den eingeführten Markennamen ALPNET offenbar nicht weiterführen. Die ALPNET-Website ist bereits abgeschaltet. Wer alpnet.com oder alpnet.de eingibt, landet bei SDL.
    Durch ALPNET verschafft sich SDL einen Zugang zu Branchen, in denen es bislang nicht Fuß fassen konnte. Hierzu gehört vor allem die Automobilbranche. Langjährige ALPNET-Kunden waren zum Beispiel General Motors, DaimlerChrysler, Volvo, Rolls Royce, Audi, DAF und der Zulieferer Bosch. 
    Außerdem hofft SDL, die eigene Software (z.B. SDLX und SDLWebFlow) nun auch den ehemaligen ALPNET-Kunden verkaufen zu können.
    Die Leitung der deutschen und kanadischen Niederlassungen sowie die Großkundenbetreuung in diesen Regionen wurde inzwischen Charles Noall übertragen. Noall kam 1998 zu ALPNET und wurde im Februar 2001 zum Chief Operating Officer ernannt. 
    Mark Lancaster, Gründer, Chairman und CEO von SDL, erklärt: „SDL is delighted to have Charles on-board. His knowledge of the ALPNET organisation will ensure a fast start to the successful integration of the two companies.“ 
    Die wirtschaftlichen Eckdaten beider Unternehmen für das Geschäftsjahr 2000: 
  • SDL International (gegründet 1992) erzielte mit weltweit 746 Mitarbeitern einen Umsatz von 44,4 Mio. USD. Wichtige Kunden sind 3Com, Adobe, Dun & Bradstreet, eBay, Goodyear, Hewlett-Packard und Microsoft.
  • ALPNET erwirtschaftete mit weltweit 702 Mitarbeitern einen Umsatz von 50,4 Mio. USD. Unter dem Strich ergab sich jedoch ein Verlust vor Steuern von 10,5 Mio. USD. Das Reinvermögen von ALPNET wurde von Analysten zum Stichtag 30.06.2001 mit 9,17 Mio. USD beziffert.
Durch die Fusion entsteht aus zwei ohnehin schon großen Fischen ein noch größerer Fisch. Im Übersetzungsteich tummeln sich aber immer noch weitaus kapitalere Hechte: 
    Das weltweit größte Unternehmen der Sprachenbranche dürfte nach wie vor Bowne (New York/NY, USA) sein. Der Umsatz belief sich im Jahr 2000 weltweit auf 1,1 Mrd. USD bei einer Mitarbeiterzahl von 8.500.
    Nummer 2 ist vermutlich Berlitz (Princeton/NJ, USA) mit einem Umsatz im Jahr 2000 von 480,2 Mio. USD und 5.983 Mitarbeitern.

ALPNET Deutschland
1963 wurde von Dr. Wolf-Dieter Haehl in Stuttgart ein Übersetzungsbüro gegründet, das sich recht erfolgreich in der Region etablieren konnte. Später wurde in München eine Niederlassung eingerichtet. Haehl selbst stand der „Dr. Haehl GmbH, Ingenieurbüro für technische und naturwissenschaftliche Übersetzungen“ bis zur Übernahme durch ALPNET als Geschäftsführer vor.
    Ende der 80er Jahre war ALPNET auf der Suche nach Möglichkeiten zu einen Einstieg in den deutschen Übersetzungsmarkt. 1989 übernahm man die Dr. Haehl GmbH und gliederte sie in den ALPNET-Verbund ein. 
    Die Kombination aus alteingeführtem Übersetzungsbüro und amerikanischen High-Tech-Tools erwies sich als richtig. In den Folgejahren konnten weitere Niederlassungen in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Berlin aufgebaut werden.
    Der zunächst neben ALPNET im Firmennamen weitergeführte Zusatz „Dr. Haehl“ wurde nach einigen Jahren gestrichen. Eine Vielzahl der Kundenbeziehungen und vor allem das starke Standbein in der Automobilindustrie gehen aber immer noch auf die Aktivitäten des quirligen Firmengründers zurück. Bis zuletzt wurden mehr als 60 % des Umsatzes in der Kfz-Branche erwirtschaftet. 
    Bei ALPNET Deutschland waren unter der Leitung von Geschäftsführerin Ulrike Baral 90 Mitarbeiter beschäftigt.
[Text: Richard Schneider. Quelle: SDL, LISA, ALPNET, Hemscott, tekom. Bild: SDL, ALPNET.]


 SDL-Chef Mark Lancaster

ALPNET gibt's nicht mehr