2002-04-10
Anglizismen: New York meldet: „alles halb so wild“
Bernd Hüppauf, Leiter des Deutschen Hauses an der New York University, hatte vom 4.-6. April 2002 zu einer hochkarätig besetzten Tagung geladen: „Das Schicksal europäischer Sprachen im Zeitalter der Globalisierung – die Zukunft des Deutschen.“ 
    Und warum wird so etwas gerade in New York diskutiert? „Mit der geographischen Verlagerung schaffen wir auch den gedanklichen Abstand von der erhitzten Debatte“, erklärt Hüppauf. (Na ja, vor allem bietet er den Professoren einen willkommenen Anlass für die auch bei Geistesmenschen beliebte New-York-Reise; steuerlich absetzbar, Reisekostenzuschüsse der Unis.) 
    Die 29 Referenten betrachten die Sprachentwicklung mehrheitlich gelassen. Hans-Werner Eroms von der Uni Passau erklärt, man könne keineswegs von einer Invasion der Anglizismen sprechen, schließlich gäbe es keine aktiven Anstrengungen, sie zu verbreiten. Sie würden vielmehr bereitwillig aufgegriffen. 
    Gerade dieser Aspekt des unnötigen, freiwilligen Verzichts auf kreative Neuschöpfungen in der Muttersprache erscheint anderen hingegen als Wurzel der allgegenwärtigen Sprachverhunzung.
    Nach Untersuchungen von Bernhard Kettemann, Universität Graz, gibt es schätzungsweise 3.500, höchstens 5.000 Anglizismen im Deutschen. Angesichts eines gängigen Wortschatzes von 500.000 sei das keineswegs beunruhigend.
    Oft werde, da waren sich die meisten Teilnehmer einig, auf dem Rücken der Sprache eine Stellvertreterdebatte ausgetragen. Man kritisiere den Sprachgebrauch, meine aber in Wirklichkeit Identität, politische Macht, akademische Kompetenz. So sah der sächsische Kultusminister Hans Joachim Meyer den einzigen Weg, die deutsche Sprache zu stärken, darin, das immer noch von der historischen Schuld angeschlagene deutsche Selbstbewusstsein aufzubauen. 
    Eine interessante These dafür, was hinter der bereitwilligen Annahme der Anglizismen stecken könnte, legte die Semiotikerin Prisca Augustyn (Berkeley) vor. Es sei "die Sehnsucht nach einer neuartigen Territorialität der Eliten". Die "Verheißung endloser Möglichkeiten und Horizonte" sei das Grundmotiv der Globalisierung. Das Englische stehe für die berauschende Freiheit. Das Deutsche hingegen verbinde man mit der "beengenden Realität des Ortes, an dem man sich befindet". 
    Für den Germanisten Peter Eisenberg (Uni Potsdam) manifestiert sich im Anglizismenstreit eine "fast schon amüsante Angst des Bildungsbürgertums vor dem Pöbel". Latein und Französisch waren mit ihren Fremdwörtern Sprachmoden der Eliten. „Anglizismen werden dagegen von einer anderen Schicht benutzt“, sagte er. „So bekommt das Bildungsbürgertum zum ersten Mal das zu spüren, was die Unterschichten seit Jahrhunderten erfahren: Dass sie von einem Wortschatz ausgeschlossen werden.“
    Seiner Ansicht nach sollte man aber die Assimilationskraft der deutschen Sprache nicht unterschätzen. Von den 50.000 Einträgen im Fremdwörterduden stammten beispielsweise nur zehn Prozent aus anderen Sprachen. Der Rest seien Neologismen aus dem Deutschen. 
    Nach Ansicht von Eisenberg ist der englische Einfluss auf unsere Sprache immer noch geradezu harmlos im Vergleich dazu, wie Französisch und Latein in früheren Jahrhunderten auf das Deutsche eingewirkt hätten.

Das Deutsche Haus im Internet: www.nyu.edu/deutscheshaus.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Süddeutsche Zeitung, 10.04.2002. Bild: Deutsches Haus New York, diverse Universitäten.]

Bernd Hüppauf


Hans-Werner Eroms


Bernhard Kettemann


Hans Joachim Meyer


Peter Eisenberg