2002-04-13
David gegen Goliath – Übersetzer gewinnen Rechtsstreit gegen ORF
Der Oberste Gerichtshof Österreichs hat in einem kürzlich ergangenen Urteil entschieden, dass der Österreichische Rundfunk (ORF) Übersetzer als Urheber zu nennen hat, wenn er in seinen Sendungen aus übersetzten Werken zitiert. Das Verschweigen des Übersetzernamens stellt eine unbillige Benachteiligung des Urhebers dar und ist damit als unredlich und missbräuchlich zu qualifizieren.
    Diese Entscheidung wird zweifellos Folgen für die mediale Präsenz von übersetzter Literatur insgesamt haben. In Zukunft könnte nämlich das in Buchrezensionen, Literaturfeatures usw. leider nicht seltene Verschweigen des Übersetzernamens (und damit oft auch der Tatsache, dass es sich überhaupt um eine Übersetzung ins Deutsche handelt) juristische Konsequenzen haben.
    So auch im Anlassfall: vorausgegangen war die Klage des Übersetzers Werner Richter, der in einem ORF-Literaturfeature über „seinen" Autor T.C. Boyle feststellen musste, dass zwar lange Passagen aus seinen Übersetzungen vorgelesen wurden (insgesamt über 12 Minuten, bei einer Gesamtlänge des Features inklusive Musikbrücken von 44 Min.), er jedoch als Urheber dieser deutschen Übersetzungen nicht einmal im Abspann genannt wurde.
    Der Fall zog sich bereits seit 1999 durch die Instanzen, und bereits das OLG Wien empfahl eine höchstgerichtliche Entscheidung, um Status und Schutzwürdigkeit der Literaturübersetzer ein für allemal zu klären.
    Die OGH-Entscheidung (die den Prozessparteien am 6.4.2002 mitgeteilt wurde) hält fest, dass sämtliche Einwendungen der ORF-Anwälte – die im Laufe der Instanzen mit immer nebelhafteren Erklärungen aufwarteten – als gegenstandslos zu betrachten sind und der Kläger Werner Richter in allen Punkten Recht hat, insbesondere darin, dass sein Name als (Mit-)Urheber von Inhalten der Featuresendung hätte genannt werden müssen.
    Damit dürfte ein wesentlicher Präzedenzfall gesetzt worden sein, denn auf dieses Urteil (Gz OGH 29.1.2002, 4 Ob 293/01v) kann sich von nun an in Österreich jede Übersetzerin und jeder Übersetzer literarischer Werke berufen, wenn aus ihren Werken in den Medien zitiert wird. Die
Übersetzergemeinschaft ist zuversichtlich, dass die damit ausgedrückte
deutliche Wertschätzung der kreativen Leistung von Literaturübersetzenden sich auch auf die verantwortlichen Journalisten und Autoren im Feuilleton, in Radio und Fernsehen, aber auch in den elektronischen Medien überträgt, obwohl wir es prinzipiell für verwunderlich erachten, dass die schlichte Nennung eines Urhebers, dessen Werk man (im vorliegenden Fall sogar weidlich) nutzt und für eigene kreative Zwecke verwertet, jahrelang vor Gericht erstritten werden musste und nicht eine reine Frage von Respekt und Kollegialität war.
    Das Urteil nimmt übrigens auch auf die deutsche Rechtslage Bezug:
„In der Bundesrepublik Deutschland bestimmt § 63 Abs 2 dUrhG, dass bei der zulässigen öffentlichen Wiedergabe eines Werkes (worunter auch Sendungen im Hörfunk fallen) die Quelle dann deutlich anzugeben ist, wenn und soweit die Verkehrssitte es erfordert. Lässt sich daher eine allgemeine Übung im aufgezeigten Sinn nicht mit Sicherheit feststellen, so besteht keine Verpflichtung zur Quellenangabe; die Beweislast für das Bestehen einer Verkehrssitte in diesem Sinn trägt demnach hier der Urheber, was in der Lehre als unbefriediged und angesichts des sonstigen Bemühens des Gesetzgebers, die Rechtsstellung des Urhebers zu verbessern, als unverständlich beurteilt wird (Vinck in Fromm/Nordemann aaO § 63 RZ 2). [...]
Nach österreichischem Recht hingegen bedarf die Unterlassung einer Quellenangabe der Rechtfertigung durch die im redlichen Verkehr geltenden Gewohnheiten und Gebräuche (§57 Abs 4 UrhG)."
[Text: Nadja Grössing für die Übersetzergemeinschaft. Quelle: Pressemitteilung der Übersetzergemeinschaft, 2002-04-09. Bild: ORF, Richter.]


Dr. Monika Lindner, die neue Generaldirektorin des ORF


Unser Held: Werner Richter