2002-05-16
Afghanistan: „Phraselator“ übersetzt Befehle der US-Soldaten
Die sprachlichen Gegebenheiten Afghanistans bereiten dem Westen, wie mehrfach berichtet, immer wieder massive Kommunikationsschwierigkeiten. Sprachmittler fürs Englische sind in dem Land, in dem Paschtu, Dari und Urdu gesprochen werden, Mangelware. (Auch im mit rund 5.000 Mitgliedern größten deutschen Übersetzerverband BDÜ gibt es nur einen einzigen Paschtu-Muttersprachler.)
    Gerade die im unmittelbaren Kontakt mit den Einheimischen stehenden Soldaten und Hilfsorganisationen müssen sich daher meist mit Gestik und Mimik behelfen. Gedruckte Mini-Wörterbücher mit den wichtigsten Standardformulierungen sind bei einer extrem hohen Analphabetenquote keine Lösung.
    Das US-Verteidigungsministerium hat deshalb die Entwicklung eines „Phraselator“ genannten Spracherkennungs- und Sprachausgabegerätes mitfinanziert. Die Geräte sind etwa so groß wie ein Funkgerät und haben 1.000 Standardsätze wie „Hände hoch!“ und „Messer fallen lassen!“ gespeichert. Wenn es dann geknallt hat, helfen Phrasen wie „Wo tut's denn weh?“ und „Der Arzt kommt gleich“. 
    Das Gerät erkennt bestimmte englische Sätze, die der Benutzer in das Mikrofon spricht, ermittelt die zugehörige Übersetzung und gibt diese in gesprochener Sprache aus. Die 1.000 Standardsätze auf Paschtu wurden vorab digital aufgezeichnet und in einer Datenbank gespeichert.
    Die Geräte sind auch bei der medizinischen Versorgung afghanischer Frauen hilfreich, denn diese lassen sich zwar von Ärztinnen behandeln, weigern sich aber, dabei mit den in der Regel männlichen Dolmetschern zu sprechen.
    23 Prototypen des „Phraselators“ sind bereits im Einsatz, demnächst sollen 500 weitere geliefert werden. Ein Vorläufer kam bereits 1997 in Bosnien und 1998 in der Golfregion zum Einsatz. Damals lief das System noch auf einem Laptop.
    Die handlichen Geräte scheinen sich bewährt zu haben, räumen aber nicht alle Schwierigkeiten aus der Welt. In wirklich brenzligen Situationen ist das Gerät zu umständlich und langsam. Auch Entwickler Ace Sarich gibt zu: „Wir haben zwar den Satz ,Hände hoch, oder ich schieße!' gespeichert. Aber da dürfte es effektiver sein, einfach auf Englisch loszubrüllen und das Gewehr auf jemanden zu richten.“ 
    Das größte Manko besteht darin, dass die Kommunikation nur in eine Richtung läuft. Denn die Antworten der mit dem Phraselator angesprochenen Afghanen können natürlich nicht übersetzt werden.


Einsprechen neuer Standardsätze in die Datenbank


Entwickler Ace Sarich (links) schult Militärpolizisten in der Anwendung des Phraselators


Der Phraselator im Praxiseinsatz

[Text: Richard Schneider. Quelle: AP; Spiegel online, 2002-05-05; 20min.ch, 2002-05-06; www.sarich.com. Bilder: Sarich.]


Ace Sarich, 
früher selbst Soldat, 
heute Chef einer Firma, die für die US-Armee arbeitet