2002-06-12
Parlez-vous français? Harald Schmidt begeistert Frankophile
Harald Schmidt (45) hat am 28.05.2002 seine Late-Night-Show erstmals komplett auf Französisch moderiert. Eine Stunde lang versuchten er, seine Mitarbeiter und die Gäste, in der Sprache Voltaires zu glänzen. Ein gleichermaßen schwieriges wie vergnügliches Unterfangen.
    Während Redaktionsleiter und Faktotum Manuel Andrack (37) mit seinem Chef recht gut mithalten konnte, war der Stargast des Abends, die Moderatorin Barbara Schöneberger (28), sichtlich überfordert. Sie spielte jedoch tapfer mit und mühte sich redlich.
    Das völlig unvorbereitete Studiopublikum wirkte mit zunehmender Dauer der Sendung frustriert. Viele mochten in den ersten Minuten noch an einen Scherz geglaubt und gehofft haben, dass der kultige Moderator spätestens nach der ersten Werbepause wieder in seine Muttersprache zurückfällt. Aber nein, 'Arald hielt das in ihren Augen grausame Spiel bis zum bitteren Ende durch.
    Die große Mehrheit des zu hilflosen Statisten degradierten Studiopublikums dürfte den ganzen Abend kein Wort verstanden haben. Aber gerade die stupiden Nicht-Reaktionen des sprachlich unterbelichteten Publikums auf das Feuerwerk an Gags und guter Laune waren für Frankophile ein Genuss. Viele lächelten und klatschten gequält, um gegenüber den Sitznachbarn nicht ihre Bildungslücke zu offenbaren.
    Die Fernsehzuschauer reagierten offenbar ähnlich. In einer ersten Stellungnahme hatte der Sender SAT.1 das Experiment noch als „geglückt“ bezeichnet, da der Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen immerhin 10,6 Prozent betragen habe. Ungewöhnlich groß seien auch die Reaktionen auf die Sendung gewesen. Rund 120 Anrufer hätten sich gemeldet und eine Neuauflage in anderen Fremdsprachen wie Spanisch und Schwäbisch verlangt.
    Die Wahrheit sieht freilich anders und gar nicht so lustig aus: Von ursprünglich 1,75 Millionen Zuschauern schalteten im Verlauf der Sendung zwei Drittel um oder ab.
    Steigende Zuschauerzahlen im Sendungsverlauf verzeichnete hingegen die Wiederholung auf arte. Der deutsch-französische Kulturkanal hatte geistesgegenwärtig die Rechte erworben und strahlte die Sendung am 6.6.2002 noch einmal aus – mit deutschen Untertiteln. Die Straßburger wollten den Franzosen auf diese Weise „das satirische Unikum der deutschen Fernsehszene“, Harald Schmidt, näherbringen. Die Anmoderation übernahm Schmidts französische Mitarbeiterin Nathalie Licard (Alter unbekannt).
    Im deutschen arte-Programm wurde die Show um 22.20 Uhr ausgestrahlt. Diesseits des Rheins schalteten nach Angaben von arte 130.000 Zuschauer ein (Marktanteil zu Beginn der Sendung 0,7 Prozent, gegen Ende 0,9 Prozent). Im französischen Programmteil lief um diese Zeit noch ein Themenabend über den Surrealismus. Dort lief die Sendung erst um 1 Uhr nachts, lockte aber immerhin noch 43.000 Zuschauer vor den Bildschirm. 
    Insgesamt betrachtet ist die „Schmidt-Show en français“ sicherlich eine Wiederholung wert. Sie sollte aber besser vorbereitet werden: mit französischen Gästen, Frankreich-bezogenen Themen und vor allem einem Studiopublikum, das des Französischen zumindest passiv mächtig ist. Es müsste doch möglich sein, in Kölner Gymnasien und Volkshochschulkursen ein paar Dutzend Gebildete aufzutreiben.
    Allerdings wird dies immer schwieriger, denn der Anteil der Französisch-Lerner geht in Deutschland seit Jahrzehnten stetig zurück. Rückblickend ist klar, dass die in den 1970er Jahren von den Sozis reformierte gymnasiale Oberstufe dem Französischen in Deutschland den Todesstoß versetzt hat. Sie bot sprachfaulen Gymnasiasten erstmals die Möglichkeit, die zweite Fremdsprache „abzuwählen“ – wovon seit nunmehr gut 25 Jahren regelmäßig über 90 Prozent Gebrauch machen.
    Umso erfreulicher sind Experimente wie das der Schmidt-Show, die Schmalspurgebildeten in Erinnerung rufen, dass es neben Englisch noch weitere Fremdsprachen auf dieser Welt gibt.
    In diesem Sinne: Mach's noch einmal, 'Arald! 
[Text: Richard Schneider. Quelle: SAT.1, arte, Rheinische Post, Focus, Spiegel. Bild: Bonito.]

Harald Schmidt