2002-07-20 (aktualisiert am 2002-10-30)
Undichte Stellen im FBI-Sprachendienst?
Inspector General Glenn Fine sucht zurzeit nach undichten Stellen im Sprachendienst der amerikanischen Bundespolizei FBI (Federal Bureau of Investigation).
    Denn die ehemalige FBI-Übersetzerin Sibel Edmonds (32) behauptet, dass ihre ehemalige Übersetzerkollegin Jan Dickerson (33) für eine türkische Organisation arbeitet, die vom FBI beobachtet wird. Außerdem soll die mit einem Major der US-Luftwaffe verheiratete Kollegin Kontakte zu einem in Washington stationierten türkischen Geheimdienstler unterhalten, der ebenfalls überwacht wird. 
    Dickerson habe in mindestens zwei Fällen relevantes Material nicht übersetzt. Außerdem habe sie versucht, Edmonds zur Mitarbeit für die türkische Organisation zu gewinnen. Dickerson habe auch dafür sorgen wollen, dass Edmonds als Einzige mit der Übersetzung der abgehörten Telefonmitschnitte des Bekannten betraut wird. Als Edmonds eine Zusammenarbeit verweigerte, seien sie und ihre Familie von Dickerson bedroht worden.
    Edmonds und Dickerson wurden in Washington als Türkisch-Übersetzerinnen angestellt und hatten die Aufgabe, Tonbandmitschnitte angezapfter Telefonanschlüsse abzuhören und zu übersetzen. Edmonds wurde im September 2001 und Dickerson im November 2001 eingestellt.
    Sibel Edmonds hatte im März 2002 ihre Vorgesetzten über die Zustände im Sprachendienst unterrichtet. Diese gingen den Anschuldigungen jedoch nicht weiter nach und rieten ihr, die Sache zu vergessen. Als Edmonds stattdessen die Vorgesetzten der Vorgesetzten informierte, wurde sie als Unruhestifterin betrachtet und aus dem Sprachendienst entlassen.
    Edmonds wandte sich daraufhin an den Vorsitzenden des Rechtsausschusses im Senat, Patrick Leahy (Demokrat) und dessen Kollegen Charles E. Grassley (Republikaner). Diese verlangen nun, die Einstellungs- und Beschäftigungspraxis von Sprachmittlern beim FBI einer grundsätzlichen Prüfung zu unterziehen.
    Sibel Edmonds hat im Juli 2002 das Justizministerium verklagt, weil sie ihre Entlassung für unrechtmäßig hält. Das Ministerium ist jedoch aus Gründen der „nationalen Sicherheit“ bemüht, einen Prozess zu vermeiden.
    Dickerson hat inzwischen freiwillig das FBI und im September 2002 zusammen mit ihrem Mann die USA verlassen.
    Edmonds war am 27. Oktober 2002 Gast in der Fernsehsendung „60 Minutes“ und hat dort von den Zuständen im FBI-Sprachendienst berichtet. So habe man sie unter anderem angewiesen, bewusst langsam zu arbeiten, damit ihre Abteilung unter Hinweis auf den dadurch entstehenden Arbeitsstau mehr Personal und mehr Geldmittel beantragen konnte.
    Nach Angaben der Leiterin des FBI-Sprachendienstes, Margaret R. Gulotta, hat das FBI in den vergangenen zwei Jahren mehr als 400 Übersetzer eingestellt. (Im Jahr 2001 beschäftigte die Behörde insgesamt rund 1.000 Sprachmittler.) Dabei seien der Lebenslauf und die Lebensumstände der Bewerber stets ausgiebig durchleuchtet worden. Die Sicherheitsstandards habe man eingehalten. Auch bei der sprachlichen und übersetzerischen Qualifikation habe man keine Abstriche gemacht.
    Inzwischen hat sich jedoch ein anderer FBI-Mitarbeiter, John M. Cole (41), gemeldet, der ebenfalls von Sicherheitslücken bei der Auswahl und Beschäftigung von Übersetzern spricht.
    Die US-Behörden haben enorme Schwierigkeiten, ihren Bedarf an Übersetzern und Dolmetschern zu decken. Dieser hat nach dem Zerfall der Sowjetunion und den Anschlägen vom 11. September 2001 rasant zugenommen.
    Ein 2001 in der New York Times erschienener Artikel beschreibt ausführlich die unbefriedigende Lage in den Sprachendiensten der Sicherheitsbehörden. [Sie können den Artikel hier im Original lesen.]
[Text: Richard Schneider. Quelle: www.cnn.com, 2002-06-19; New York Times, 2001-04-16. Bild: Leahy, Fine, CBS.]

Sibel Edmonds in der CBS-Fernsehsendung „60 Minutes“


Senator Patrick Leahy


Glenn Fine