2002-08-01
Hochdeutsch im Alemannischen: eine Fremdsprache?
Der alemannische Dialekt ist in der Schweiz, in Vorarlberg und in Baden-Württemberg verbreitet. Alle Ureinwohner dieser Region haben ihre Schwierigkeiten mit dem Hochdeutschen. Mit dem Spruch „Wir können alles außer Hochdeutsch“ wirbt das Land Baden-Württemberg für sich.
    Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer (64) stellte 1998 in seinem „Fragmentarischen Alphabet zur Schweizer Literatur“ fest: „Wir Schweizer lernen Hochdeutsch in der Schule wie eine Fremdsprache.“ 
    Ähnlich äußerte sich auch Prof. Dr. Jörn Albrecht (heute Uni Heidelberg) in seinen Vorlesungen in Germersheim: die Schweizer hätten im Gegensatz zu den Niederländern nicht den Mut gehabt, ihren Dialekt als eigene Sprache zu bezeichnen, obwohl das Schweizerdeutsch ähnlich weit vom Hochdeutschen entfernt sei wie das Niederländische. 
    Unter Eidgenossen ist die Vorstellung weit verbreitet, nur in der Schweiz müsse Hochdeutsch wie eine Fremdsprache gelernt werden. Nach Ansicht des bei Konstanz lebenden Mundartautors Bruno Epple (71) gilt dies jedoch auch für Süddeutsche und Vorarlberger. Sie alle saugen Hochdeutsch nicht mit der Muttermilch auf, sondern müssen es lernen. 
    Hochdeutsch verbreitete sich, weil es innerhalb des Sprachgebiets den Bedarf nach einer Verständigung über die Dialektgrenzen hinaus gibt. 
    Dass Hochdeutsch in Deutschland und Österreich im Alltag eine größere Rolle spielt als in der Schweiz, liegt an den größeren Unterschieden zwischen den Dialekten. Alle deutschen Dialekte der Schweiz gehören nämlich nicht nur zum Alemannischen, sondern sogar zum Hochalemannischen. Daher können sich alle mit ein bisschen gutem Willen verstehen. Eine dialektübergreifende Hochsprache ist innerhalb der Deutschschweiz somit nicht nötig.
    Anders in Österreich und Deutschland. Ein Alemanne aus Süddeutschland versteht seinen Landsmann in Mecklenburg schlicht nicht, wenn dieser den heimischen Dialekt spricht. Das Gleiche gilt für Wiener und Vorarlberger: Sie brauchen Hochdeutsch, um sich überhaupt miteinander verständigen zu können.
    Ein schöner Link in diesem Zusammenhang: Unter www.dialekt.ch bietet die Uni Basel Tonbeispiele für die in der Schweiz verbreiteten Dialekte an.


[Text: Richard Schneider. Quelle: Wiener Zeitung, 2002-08-01. Bild: Widmer, Albrecht, Epple, www.alemannisch.de.]


Urs Widmer


Jörn Albrecht


Bruno Epple