2002-08-02
„Stress im Beruf“ – Gerichtsdolmetscher wurde kokainsüchtig
Wegen gewerbsmäßigen Kokainhandels wurde in Darmstadt ein 47 Jahre alter türkischer Dolmetscher aus Bensheim zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. 
    Bei seiner Festnahme hatte er 32.000 Mark in großen Scheinen und 300 US-Dollar bei sich, die nach Überzeugung des Staatsanwalts für eine Kokainlieferung aus den Niederlanden bestimmt waren. 
    Der Angeklagte erklärte hingegen, er trage „aus steuerlichen Gründen immer größere Geldbeträge“ bei sich. Das sei bei Schwarzgeld nun mal so. 
    Der in einer Eliteschule in Istanbul erzogene Dolmetscher, der in Bensheim das Gymnasium besucht hat, wirkt wie ein erfolgreicher und selbstbewusster Geschäftsmann. Dass er selbst kokainsüchtig ist, sieht man ihm nicht an.
    Als vereidigter Gerichtsdolmetscher arbeitete er auch für die Kripo sowie das Landes- und Bundeskriminalamt. Nach eigenen Angaben war er ein „Spitzenverdiener“.
    Als Grund für seinen Drogenkonsum nannte er „beruflichen Stress“. Seit Ende der achtziger Jahre benötige er das weiße Pulver zur „Leistungssteigerung und um fit zu bleiben“. Zunächst habe er Kokain nur sporadisch genommen, in den vergangenen beiden Jahren – nach einer beruflichen Pleite und finanziellen Problemen – regelmäßig und in immer höheren Dosen. Das Ganze sei „außer Kontrolle geraten“. Er sei „abgedriftet“. 
    Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat er den Stoff aber nicht nur selbst konsumiert, sondern auch in großem Stil gehandelt. Allein im zweiten Halbjahr 2001 habe er in mindestens 37 Fällen an verschiedene Abnehmer aus seinem Bekanntenkreis grammweise Kokainbriefchen verkauft. Der Richter sprach deshalb von „Wirtschaftskriminalität“.
    Abschließend erklärte der Dolmetscher, er sei über seine Festnahme „wirklich froh“ gewesen, da er niemals von alleine hätte aufhören können: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, sich aus der Sucht zu befreien. Die Sache ist für mich jetzt endgültig abgeschlossen.“ 
[Text: Richard Schneider. Quelle: Darmstädter Echo, 2002-07-31. Bild: Archiv.]