2002-08-19
„Paula“ übersetzt Englisch in Gebärdensprache
Wissenschaftler und Studenten der DePaul University, Chicago, haben in vierjähriger Arbeit eine Software entwickelt, die die englische Sprache in die amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language, ASL) übersetzt. Die gesprochene Sprache wird von einem Mikrofon aufgezeichnet und in eine animierte Darstellung der Dolmetscherin „Paula“ umgewandelt.
    Wie Rosalee Wolfe, Dozentin für Computerwissenschaften, erklärt, ist ASL keine bloße Zeichensprache, sondern schließt Mimik und Körperbewegungen mit ein. So gibt es zum Beispiel nur ein Zeichen für „schön“. Ob im konkreten Fall aber nun „einigermaßen hübsch“, „ziemlich attraktiv“ oder „atemberaubend schön“ gemeint ist, hängt von der Mimik und Gestik des „Sprechers“ ab. 
    Diese Tatsache bereitete erhebliche Probleme, da die Animation wesentlich feiner ausfallen musste als in Computerspielen. Wolfe: „Bisher hat zum Beispiel noch niemand die Bewegungen des Daumens grafisch korrekt umgesetzt.“
    Hinzu kommt, dass die Grammatik von Englisch und ASL völlig verschieden ist.
    Die Forscher informierten sich vorab über ähnliche Projekte in Deutschland, den Niederlanden und Japan. Wegen der Sprachunterschiede war es aber nicht möglich, auf den dort bereits gewonnenen Ergebnissen aufzubauen. 
    Praktische Anwendungsmöglichkeiten für „Paula“ sieht die Uni auf Flughäfen, in Hotels, Kaufhäusern und Banken. Erste Feldversuche sollen in Kürze starten. 
    Die Software soll gemeinnützigen Organisationen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Unternehmen der Privatwirtschaft müssen hingegen rund 8.000 USD zahlen.
    An der 1898 gegründeten katholischen DePaul University werden 20.000 Studenten unterrichtet.

Unser Kommentar
Dass das System so problemlos funktioniert, wie dies auf den Seiten der Uni beschrieben wird, glauben wir den Forschern nicht. Aber immerhin handelt es sich hier um ein schönes Beispiel für den rasanten Fortschritt der Sprachtechnologie, aus dem in einigen Jahren durchaus einmal eine praxistaugliche Anwendung entstehen könnte. 
    Und die Gefahr, dass die gewonnenen Erkenntnisse in dunklen Archiven verstauben und verschimmeln, ohne jemals einen gewissen Nutzen entfalten zu können, ist in den USA wohl nicht ganz so groß wie bei den altehrwürdigen europäischen Universitäten.


Das ASL-Team. Vierte von links: Gebärdensprachdolmetscherin Paula Bloomberg, im Hintergrund Rosalee Wolfe.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Der Standard, 2002-08-14; www.cs.depaul.edu. Bild: DePaul University.]


„Paula“


Rosalee Wolfe