2002-08-28
Angeklagter bedroht Dolmetscherin
In Nürnberg steht zurzeit der Kopf einer estnischen Bande vor Gericht, die im Frühjahr 2001 eine Serie von Banküberfällen beging. Der 23-Jährige sitzt bereits wegen anderer Straftaten im Gefängnis. Von Tallinn aus hatte er die Überfälle koordiniert und die Täter angeworben.
    Zur Sache verweigert er jede Aussage. Nur wenn seine ehemaligen Komplizen in den Zeugenstand gerufen werden, um gegen ihn auszusagen, ruft er ihnen auf Estnisch ein paar Worte zu, um sie einzuschüchtern. Er bittet die neben ihm sitzende Dolmetscherin sogar, ein Stück zu rutschen, damit er seine früheren Mitstreiter besser im Auge behalten kann.
    Außerdem fordert er die Dolmetscherin auf, für ihn falsch zu übersetzen. „Halt dein Maul und sag bloß nichts aus“, raunt er einem Zeugen zu, was die junge Frau als Begrüßung wiedergeben soll, wie sie später mitteilt. Der Zeuge verweigert dann auch prompt die Aussage.
    Nach der Mittagspause teilt die Dolmetscherin dem Richter mit, dass sie vom Angeklagten mehrfach massiv unter Druck gesetzt worden sei, seine Äußerungen im Deutschen falsch wiederzugeben.
    Alle Angeklagten stammen aus demselben Dorf in Estland und sind einmal zusammen in dieselbe Schulklasse gegangen. Einer von ihnen hatte vor Monaten ein umfassendes Geständnis abgelegt und sich wenig später in seiner Zelle erhängt.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Nürnberger Zeitung, Nürnberger Nachrichten, 2002-08-28. Bild: Archiv.]