2002-09-07
Fernsehtipp: Richard Sonnenfeldt bei Boulevard Bio
Richard W. Sonnenfeldt (79) ist kommenden Dienstag einer der Gäste in Alfred Bioleks Talk-Show „Boulevard Bio“. Als 23-Jähriger war Sonnenfeldt 1945/46 Chef der 50 Dolmetscher und Übersetzer bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen. Er leistete Pionierarbeit in der Geburtsstunde des Simultandolmetschens.
    Sonnenfeldt wurde 1923 in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, geboren. Als er 15 war, schickten die Eltern ihn und seinen Bruder Helmut (der später unter Kissinger im US-Außenministerium arbeitete) wegen des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland nach England auf eine Schule deutscher Quäker bei Canterbury.
    Dann brach der Krieg aus. Und die Engländer deportierten ihn und andere, die einen deutschen Pass besaßen, als „feindliche Ausländer“ an den Arsch der Welt nach Australien. Sonnenfeldt: „Dabei wollte ich doch nichts anderes, als gegen die Deutschen kämpfen.“
    Schließlich ließen ihn die Engländer in Australien frei. Über Indien und Kuba gelangte er 1941 nach Baltimore in die USA, wo inzwischen auch seine Eltern lebten. 1943 wurde er eingezogen und kam als amerikanischer Soldat zurück nach Europa.
    Und wie wird man dann Chefdolmetscher in Nürnberg? Die Anekdote lautet wie folgt: Drei Tage nach der Kapitulation liegt Sonnenfeldt gerade in Salzburg unter seinem Spähpanzer und ölt das Fahrzeug. Da zieht ihn ein General an den Füßen hervor und fragt, ob er Deutsch spreche. Es werde ein Übersetzer gebraucht, um ein Tribunal gegen die Nazis vorzubereiten. Als Sonnenfeldt bejaht, bleibt ihm kaum noch Zeit, die verschmierten Finger abzuwischen und sich von den Kameraden zu verabschieden.
    Die Wahl des Generals erwies sich als Glücksgriff. Sonnenfeldt sprach nicht nur fließend Deutsch und Englisch. Er offenbarte ein enormes Dolmetschtalent, zeigte Engagement und Führungsqualitäten und fand gegenüber den Nazi-Größen den richtigen Ton.
    General Gill über Sonnenfeldt: „Sonnenfeldt recommended policies and procedures concerning the treatment of prisoners during interrogations, and the procedures were found so sound and practical that they were approved and have been used by the interrogators to date. Among the personnel in Sonnenfeldt's section were military personnel of grades and ranks higher than his and civilians of many different nationalities. He handled them with such amazing diplomacy and tact that he managed to enlist their whole-hearted co-operation in spite of so many differences.“
    Nach dem Krieg studierte Sonnenfeldt an der Johns Hopkins University in Baltimore Elektrotechnik. Von 1949 bis 1955 wirkte er an der Entwicklung des amerikanischen Farbfernsehsystems mit. Allein in dieser Zeit erhielt Sonnenfeldt 35 Patente.
    Später wechselte er in die sich rasant entwickelnde Welt der Datenverarbeitung. Er war am Bau von Computern beteiligt, die von der NASA zur Steuerung der Startphase der Apollo-Raketen benutzt wurden.
    Nicht nur als Techniker, sondern auch als Manager machte er eine erstaunliche Karriere. Er war unter anderem CEO und President von Digitronics, Vice President der RCA (Radio Corporation of America), Executive Vice President von NBC (National Broadcasting Company) sowie Chairman und CEO von NAPP Systems. Außerdem lehrte er Management am Polytechnic Institute of New York.
    Nichts von alledem hat er geplant. „Mein Leben war voller Zufälle.“
    Und trotz seiner vielfältigen Verpflichtungen schaffte er es, den Kontakt zu Europa aufrechtzuerhalten. Seit 1958 war er jedes Jahr in Deutschland. Wer ihn „live“ erleben wollte, hatte dazu auf diversen Veranstaltungen immer wieder die Gelegenheit.
    Obwohl die Dolmetscherei nur eine kurze Episode in der Jugend dieses Multitalents war, hat Sonnenfeldt Pionierarbeit geleistet. Ein Platz in der Ruhmeshalle unserer Branche ist ihm sicher.
    Die Sendetermine: Dienstag, 10.09.2002, 23.15 Uhr, ARD. Wiederholung am Samstag, 15.09.2002, 23.30 Uhr, 3sat.


Sonnenfeldt Mitte der 70er Jahre bei der Präsentation eines Bildplattenspielers


Sonnenfeldt heute

[Text: Richard Schneider. Quelle: diverse Websites. Bild: RCA, IEEE.]


Richard W. Sonnenfeldt