2002-09-23
Ein ungemein schöpferischer Beruf: Inuktitut-Übersetzer
In Nunavut („unser Land“), dem vor drei Jahren entstandenen Staatsgebiet der Eskimos (Inuit) im Norden Kanadas, müssen sich Medien und Behörden ununterbrochen sprachschöpferisch betätigen. Der extreme Lebensraum mit seinen ganz eigenen Erfahrungswelten stellt vor allem die Übersetzer vor unlösbar scheinende Probleme. 
    „Die meisten Inuit haben nie einen Baum gesehen“, sagt Hart Wiens von der kanadischen Bibelgesellschaft. Wie soll man dann Wörter wie „Feigenbaum“ übersetzen? Auch Schafe, Palmen und Hirten gibt es nicht. Und so sei das Wort Hirte mit der Umschreibung „der, der sich kümmert“ übersetzt worden. 
    Für den Inuktitut-Übersetzer Benjamin Arreak ist ein Kamel ein „Tier mit einem Buckel auf dem Rücken“. Ein Wort wie „Gnade“, das es in den Inuit-Sprachen nicht gibt, umschreibt er mit „unverdiente Hilfe durch Güte“. Der „Computer“ ist „etwas, das ist wie ein Gehirn“. Und der Vorsitzende eines Komitees ist „eine Person, die führt und den Prozess in Gang hält“. 
    Aber es werden nicht nur Einflüsse von außen aufgenommen. Zumindest ein Inuktitut-Wort konnte sich über den Sport in vielen Weltsprachen etablieren: „Kajak“.
   Inuktitut ist die bedeutendste der etwa fünfzig Eskimo-Sprachen und gilt als nicht vom Aussterben bedroht. 85 Prozent der rund 28.000 Einwohner des Nunavut-Gebiets sind Inuit. 65 bis 70 Prozent von ihnen sprechen Inuktitut.
    Im Gegensatz zu anderen Sprachen der Ureinwohner besitzt Inuktitut ein solides Schriftsystem, das auf der Schrift der Cree-Indianer basiert. Diese wurde vom Methodisten-Missionar James Evans zwischen 1840 und 1846 entwickelt. 
    Cree und Inuktitut verwenden eine Silbenschrift aus willkürlich gewählten geometrischen Symbolen. Vereinfacht ausgedrückt stellen die Basissymbole die Konsonanten dar. Durch Drehung der Symbole können verschiedene Konsonant-Vokal-Kombinationen wiedergegeben werden. Beispiel: „>“ = [pu], „<“ = [pa].
    Noch ein Hinweis für Freunde der political correctness: Das Wort „Eskimo“ ist gar kein Eskimo-Wort, sondern stammt aus der Sprache der bösen Cree-Indianer und bedeutet „Rohfleisch-Esser“. Es wird von manchen als abwertend betrachtet. Wer auf Cocktail-Partys Eindruck schinden möchte, sollte daher den Ausdruck „Inuit“ verwenden. So bezeichnen sich die Inuit seit jeher selbst. „Inuit“ bedeutet schlicht und einfach „Menschen“ oder auch „Volk“.


Das 1999 neu gebildete Territorium Nunavut

Oben: Das Silbenalphabet der Sprache Inuktitut.
Unten: Beispieltext in Inuktitut

[Text: Richard Schneider. Quelle: Süddeutsche Zeitung, 2002-04-29. Bild: Nestlé, div. kanadische Websites.]