2002-10-14
Werner Eberlein gestorben – Chefdolmetscher von Ulbricht, deutsche Stimme von Chruschtschow
Werner Eberlein ist am 11.10.2002 im Alter von 82 Jahren beim Rasenmähen an einem Herzinfarkt gestorben. Er war Chefdolmetscher Ulbrichts und „die deutsche Stimme“ von Chruschtschow. Als ZK- und von 1985 bis 1989 Politbüro-Mitglied gehörte er zu den Mächtigen in der DDR. Der Spiegel charakterisiert ihn in einem kurzen Nachruf als „beliebten, stets milde gestimmten Melancholiker“. Die westdeutsche Illustrierte stern schrieb im Juli 1963 über die Dolmetschkunst Eberleins:
Chrustschow wird besser übersetzt als Kennedy. Einer durfte in Berlin Nikita Chrustschow ins Wort fallen, wann immer er wollte. Der Ostblock-Herrscher fügte sich lächelnd. Freilich liebt der rote Herr derartige Unterbrechungen nur durch seinen Übersetzer, den Zwei-Meter-Hünen Werner Eberlein. ,Chrustschows Schatten' ist stets die getreue deutsche Stimme seines Herren aus Moskau. Auf ihn kann sich der Sowjetmensch verlassen. Mit ihm erlebt er keine so misslichen Pannen, wie sie John F. Kennedy mit Dolmetscher Robert Lochner bei seinem Deutschland-Trip jüngst widerfuhren.
    Chrustschow hat für seine Reden einen lautgerechten Lautsprecher. Wie er räuspert, wie er spuckt, hat Eberlein dem Kreml-Boss trefflich abgeguckt. Flüstert der Chef, säuselt der Übersetzer. Brüllt Nikita, tönt Eberlein simultan. Chrustschow kann gewiss sein, dass er sowohl im Wortlaut als auch im Tonfall unverändert auf die deutschen Zuhörer weitergereicht wird.
    Nicht so erging es Kennedy. Was der Besucher aus dem Weißen Haus in wohlformulierten Worten ausdrückte, wurde vom Dolmetscher lieblos heruntergeleiert, er interpretierte den Präsidenten auch falsch. [...] Solcherart Sorgen hat Chrustschows deutschsprachiger Sprüchemacher nicht. Der Kreml-Chef spricht langsam, benutzt schlichte Bilder und lässt sich in seinen Sätzen beliebig oft unterbrechen, so dass der Dolmetscher wie ein Simultan-Übersetzer wirkt. Durch dieses System der Gleichzeitigkeit von Rede und Übersetzung geht nichts vom ursprünglichen Schwung Chrustschows verloren. Der Zuhörer hat den Eindruck, er verstehe den Redner selbst.
Eberleins Vater hatte gemeinsam mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die KPD gegründet und 1919 in Moskau die Kommunistische Internationale. Werner Eberlein kam im Alter von 14 Jahren in die Sowjetunion. Erst lebte er behütet in Moskau, war Gast im legendären Hotel „Lux“, dann wurde er nach Sibirien verbannt.
    Wer mehr über den abenteuerlichen Lebenslauf Eberleins erfahren möchte, dem sei seine Autobiografie empfohlen. Die Arbeit als Sprachmittler kommt darin allerdings – wie bei so vielen Dolmetscherbiografien – nur am Rande zur Sprache.


Fernsehdiskussion mit Kosmonauten


Mit Gerhard Schröder
 
Werner Eberlein (2001): Geboren am 9. November. Erinnerungen. Berlin: Das Neue Berlin. 540 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 3-360-00988-6.
[Text: Richard Schneider. Bild: Das Neue Berlin. www.uebersetzerportal.de.]


Werner Eberlein