2002-10-17
Von der Unersetzlichkeit der Muttersprache – Gert Ueding gegen zu frühe Fremdsprachen 
Gert Ueding (60) ist seit 1973 Professor an der Uni Tübingen und seit 1988 Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Rhetorik in Deutschland. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Publizist für Presse, Funk und Fernsehen.
    In der letzten Zeit hat er sich mehrmals gegen die im deutschsprachigen Raum grassierende Mode ausgesprochen, Kinder möglichst früh an Fremdsprachen heranzuführen. Nachfolgend seine Argumentation in gekürzter Form:
Das Umschalten von der Muttersprache auf eine fremde Sprache ist kein so unproblematischer, gleichsam bloß technischer Vorgang, wie es sich die meisten Manager, Wirtschaftsführer und Politiker vorstellen. Sprechen und Denken stehen in einem engen Zusammenhang.
    Den Griechen galten sie so unauflösbar verbunden, dass sie für Wort und Vernunft sogar nur einen Begriff kannten: logos nämlich. Das Bewusstsein davon blieb bis ins 20. Jahrhundert hinein lebendig: Hegel zeichnete die Sprache noch als einziges organon der Vernunft aus, Heidegger adelte sie zur „Behausung des Menschenwesens“, und für Karl Kraus ist sie zudem Ausdruck der moralischen Verfassung.
    Die Art der Sprache, darüber gibt es keinen Zweifel, bestimmt unsere Merkwelt, zwischen ihr und unseren Worten tut sich ein unheilvolles Schisma auf, wenn wir ins Englische, Französische, Spanische überwechseln. 
    Was nicht etwa gegen das Lernen dieser Sprachen spricht, ihre Funktion aber höchst begrenzt, nämlich auf den Austausch von Informationen und konventionellen Auffassungen. 
    Und die „gedankenlose Verschmutzung der eigenen Sprache“ vermag, wie der Computerkritiker Joseph Weizenbaum (79) es ausdrückte, zwar Denkfehler zu produzieren, aber keine neuen oder nur irgendwie belangvollen Erkenntnisse. (Joseph Weizenbaum führt den Rückstand der deutschen Computerwissenschaft auch auf das „Sprachgulasch“ und das unzureichende Englisch zurück, das den Umgang in den neuen Medien bestimmt.)
    Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Annette Schavan (47, CDU, Kultusministerin Baden-Württemberg) bekennt zwar, die Pisa-Studie habe ihr schlaflose Nächte bereitet. Zum Nachdenken hat sie sie offenbar nicht genutzt, sonst könnte sie nicht auf die Idee kommen, den Fremdsprachenerwerb noch früher, möglichst schon im Kindergarten, beginnen zu lassen. 
    Allein auf der gesicherten Kenntnis der Muttersprache kann die fremde Sprache ihren Nutzen entfalten. Wird sie zu früh aufgepfropft, ergeben sich daraus nur mehrere zu schöpferischem Leben unfähige Verständigungsmittel, damit aber auch eine Verluderung des Denkens.
Zu diesem Artikel erreichte uns ein Leserbrief von Mirjana Plazonic, Sarajevo, den Sie hier lesen können.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Nordwest Zeitung 2002-10-18. Bild: Ueding.]


Gert Ueding