2002-10-21
world wide translation service AG meldet Insolvenz an
Die Hamburger wwts AG (world wide translation service) hat im August 2002 Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Das Unternehmen wurde 1999 von einem Rechtsanwalt (damals 28) und einem Marketing-Manager (damals ebenfalls 28) gegründet und strebte „mittelfristig die weltweite Marktführerschaft“ an.
    70 Prozent des Kapitals stammte von Großaktionären, 30 Prozent von Kleinaktionären. Mitte 2001 war der geplante Börsengang wegen des ungünstigen Börsenumfelds um ein Jahr verschoben worden. Für 2001 wurde ein Umsatz von 1 Mio. DM angepeilt, im August 2002 sollte die Gewinnschwelle erreicht werden. Stattdessen kam genau zu diesem Zeitpunkt das Aus. Das Grundkapital belief sich im Juni 2002 laut Handelsregister auf 165.136,00 Euro.
    Das Unternehmen beschäftigte zuletzt 22 fest angestellte Mitarbeiter und arbeitete nach eigenen Angaben weltweit mit 20.000 freiberuflichen Übersetzern zusammen.
    Nach Ansicht eines früheren führenden Mitarbeiters hätte das Geschäftsmodell in dem noch weitgehend unstrukturierten Übersetzungsmarkt, der damals zweistellige Wachstumsraten vorweisen konnte, durchaus funktionieren können. Allerdings habe sich das Unternehmen durch die Eröffnung neuer Geschäftsfelder, die nichts mit den Kernkompetenzen zu tun hatten, übernommen und verzettelt.
    So erstand die wwts AG Im Mai 2001 für 70.000 DM die Domains „dienstleistung.de“ und „dienstleistungen.de“. Mit dem Betrieb eines elektronischen Branchenbuches wollte man den Gelben Seiten und Online-Verzeichnissen wie Yellow Map Konkurrenz machen. „Wir wollen das deutsche Pendant zu ,Business.com' werden“, so ein Vorstandsmitglied damals. „Business.com“ wechselte 1999 für 7,5 Mio. USD den Besitzer und ist damit die zweitteuerste Domain der Welt. Durch das neue Geschäftsfeld sollte der Cashflow verbessert und der Wert des Unternehmens vor dem geplanten Börsengang erhöht werden.
    Doch es kam alles ganz anders. Möglich, dass dies nicht nur an der in Deutschland beginnenden Börsen- und Wirtschaftskrise lag. Im Vorstand und Aufsichtsrat der world wide translation service AG saßen überwiegend branchenfremde Twens, die Jura oder Wirtschaft studiert hatten.
    Aus der Insolvenzmasse der wwts AG hat sich die Hamburger DLÜV GmbH (Deutsche Lektoren- und Übersetzer Vermittlungsgesellschaft) bedient. Wer heute im Internet die frühere wwts-Adresse aufruft, landet bei der DLÜV.
    Der Rechtsanwalt aus dem wwts-Vorstand konzentriert sich nach dem Ausflug in die Welt der Sprachen auf den Ausbau seiner Anwaltskanzlei in Kiel – Spezialgebiet Marken- und Online-Recht. Ein weiteres Vorstandsmitglied bleibt hingegen als DLÜV-Mitarbeiter der Übersetzungsbranche treu.

[Text: Richard Schneider. Quelle: wwts, dpa, Net-Business.] www.uebersetzerportal.de