2002-10-23
„Wenn die CIA Übersetzer gehabt hätte, wäre vielleicht alles anders verlaufen“ – Robert Littell zum 11. September
Der ehemalige Newsweek-Reporter und Osteuropa-Spezialist Robert Littell hat vor einigen Jahren eine zweite Karriere als Romanautor gestartet. Inzwischen hat er bereits zwölf Werke vorgelegt, darunter dieses Jahr die CIA-Saga The Company – A Novel of the CIA. Er wird von einigen mit Autoren wie John le Carré und Mario Puzo verglichen.
    Der in Frankreich lebende Amerikaner erklärte in einem Interview mit der Welt am Sonntag, wie es zu dem Mangel an Übersetzern bei der Central Intelligence Agency kommen konnte:
Vor der Auflösung der UdSSR betrieb die CIA menschliche Aufklärungsarbeit: Sie hatte hunderte von Agenten, die vor Ort recherchierten. Nachdem der Gegner fort war, schloss die CIA Büros überall auf der Welt, schickte massenweise Agenten in Rente und konzentrierte sich auf das viel ungefährlichere Geschäft der elektronischen Aufklärung.
    Wenn die CIA sauber gearbeitet hätte, wenn sie also Leute im Feld und Übersetzer gehabt hätte, die sich die abgehörten Mitschnitte der Taliban hätten vornehmen können, wäre vielleicht alles anders verlaufen. 
    Sie hatte unter anderem so viele Linguisten entlassen, dass niemand in der CIA mehr den Paschtunen-Dialekt sprach. Deswegen mussten sie die abgehörte Taliban-Kommunikation ausgerechnet an den pakistanischen Geheimdienst „outsourcen“.
    Im Rückblick ist klar, dass genügend Informationen, genügend Stücke im Geheimdienstpuzzle vorhanden waren. Ja, wir hätten den tragischen Angriff auf das World Trade Center wohl verhindern können.
Damit sich die Unzulänglichkeiten, die in Afghanistan zu Tage getreten sind, nicht im Irak wiederholen, hat US-Präsident Bush Anfang Oktober 92 Millionen Dollar für die Ausbildung von bis zu 5.000 irakischen Regimegegnern bewilligt [siehe 2002-09-26]. Sie sollen eine militärische Grundausbildung erhalten und zu Kundschaftern, Dolmetschern oder Militärpolizisten für Gefangenenlager im Irak ausgebildet werden. Nach Zeitungsberichten wird die Ausbildung ab November in einem nicht genannten Land außerhalb des Nahen Ostens erfolgen. Offenbar sind bereits mehr als 1.000 irakische Oppositionelle auf ihre Eignung untersucht worden. Vorgeschlagen wurden die Kandidaten vom Irakischen Nationalkongress, einer in London ansässigen Organisation von Exil-Irakern.

Der amerikanische Übersetzerverband ATA wird diesen Problemkreis nächsten Monat auf seinem Jahreskongress in Atlanta ebenfalls aufgreifen. In einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Translation and Terrorism“ werden hochrangige Fachleute von FBI, CIA, Verteidigungsministerium und CNN das Thema beleuchten.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Die Welt, dpa 2002-10-19. Bild: Jesse Littell, Amazon.]


Robert Littell