2002-10-30 (letzte Aktualisierung: 2002-11-14) 
Dolmetscher Mittelpunkt einer Betrugs- und Korruptionsaffäre bei Berliner Polizei
Bei der Berliner Polizei ist nach zehnmonatigen Ermittlungen eine Betrugs- und Korruptionsaffäre aufgedeckt worden. Der für das Landeskriminalamt (LKA) tätige Dolmetscher Kemal E. (52) wurde festgenommen. Gegen ihn und fünf Polizeibeamte läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs, Bestechung, Bestechlichkeit und Vorteilsnahme im Amt. Die fünf wurden vom Dienst suspendiert. Die Vorwürfe gegen einen sechsten Beamten konnten entkräftet werden.
    Der Dolmetscher hatte die Aufgabe, Tonbänder mit abgehörten Telefongesprächen vom Türkischen ins Deutsche zu übersetzen. Neben korrekt abgerechneten Aufträgen soll er auch eine Vielzahl von Luftrechnungen ausgestellt haben. Die beschuldigten Polizisten, darunter ein ranghoher Kriminalist des Rauschgiftdezernats, hatten diese wider besseres Wissen als „sachlich richtig“ abgezeichnet, so dass der Dolmetscher Geld für Leistungen erhielt, die gar nicht erbracht wurden. Auf diese Weise soll er sich 200.000 Euro ergaunert haben.
    Als Gegenleistung soll er die Beamten zu Reisen eingeladen haben. Die Staatsanwaltschaft bestätigte inzwischen, dass zwei Beamte des LKA im März 1998 mit Kemal E. für ein verlängertes Wochenende nach Chicago geflogen sind. Ein weiterer Ermittler verbrachte mit dem Dolmetscher im Februar 2000 einen Kurzurlaub im österreichischen Kitzbühel.
    Die Sache flog auf, weil ein anderer für die Polizei tätiger Dolmetscher der Staatsanwaltschaft mitgeteilt hatte, dass sein Kollege Rechnungen für Zeiträume ausgestellt habe, in denen er gar nicht in Berlin gewesen sei. Daraufhin hatte derjenige Dolmetscher, der sich an die Staatsanwaltschaft gewandt hatte, keine Aufträge mehr von der Polizei erhalten. Seine Frau, eine Anwältin, schrieb dann den Berliner Generalstaatsanwalt an und bat um Aufklärung.
    Inwischen war auch die Polizeibehörde bei der Prüfung der Rechnungen wegen des ungewöhnlich hohen Arbeitspensums des Sprachmittlers misstrauisch geworden. 
    Kemal E. soll der Polizeibehörde außerdem 24 Computer samt Software kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Dazu Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch (55): „Von der Polizei beauftragte Dolmetscherbüros haben auch Computer zur Verfügung gestellt. Ich habe diese Praxis sofort unterbunden, nachdem ich Kenntnis von ihr erhalten hatte.“ Unklar ist, ob der frühere Polizeipräsident Hagen Saberschinsky (63) davon gewusst hat. „Die Staatsanwaltschaft weiß nicht, wer die Beschaffung der Computer genehmigt hat“, so Sprecherin Ariane Faust.
    Die Berliner Zeitung schreibt: „Geschenke an die Auftraggeber seien in dieser Branche keine Seltenheit, hieß es am Donnerstag hinter vorgehaltener Hand. [...] In Berlin arbeiten derzeit rund 750 amtlich vereidigte Dolmetscher in fast allen Sprachen für die Sicherheitsbehörden. Der Konkurrenzkampf in der Branche sei groß, sagen Übersetzer.“
    Inzwischen wurden die Wohnungen und Dienstsitze der Beschuldigten durchsucht. Dabei wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt, das noch ausgewertet werden muss.
    Kemal E. sitzt derweil in Untersuchungshaft – im 1881 eröffneten Traditionsknast Moabit, wo schon Stasi-Chef Erich Mielke, Kaufhauserpresser Dagobert, Boxer Bubi Scholz und der „Hauptmann von Köpenick“ einsaßen.

Nachtrag 2002-11-14: Gegen den ehemaligen Polizeipräsidenten Hagen Saberschinsky ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Vorteilsnahme. Geprüft wird, ob er von der Anschaffung der 24 Computer gewusst hat. „Ermittelt wird auch gegen mehrere Verantwortliche bei der Polizei“, so Justizsprecher Björn Retzlaff. Ferner wird geprüft, ob die Innenverwaltung Berlins von dem Handel der verdächtigten Polizisten wusste.

Siehe hierzu auch unser Dossier.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Märkische Oderzeitung 2002-10-30; Berliner Zeitung 2002-10-31, 2002-11-01, 2002-11-02; Berliner Morgenpost 2002-10-31; Tagesspiegel 2002-11-02, 2002-11-14; tageszeitung 2002-11-02, 2002-11-14. Bild: Polizei Berlin, Gefängnis Moabit.]


Polizeipräsident Dieter Glietsch


Das neue Zuhause von Kemal E.