2002-11-14
Putin fällt aus der Rolle. Dolmetscher kann Eklat verhindern
Dass der zurückhaltend bis schüchtern wirkende Wladimir Putin (50) ein Mann starker Worte ist, ist inzwischen bekannt. Was er vor wenigen Tagen aber in den Pressesaal des EU-Rates in Brüssel rief, das verschlug selbst langjährigen Kennern des russischen Präsidenten die Sprache.
    Putin hatte auf der Pressekonferenz einen Journalisten der französischen Tageszeitung Le Monde eingeladen, nach Moskau zu kommen. Nicht, um den Kreml zu besichtigen, sondern um sich einer Beschneidung zu unterziehen: „Wenn Sie ein moslemischer Radikaler werden möchten und bereit sind, sich beschneiden zu lassen, lade ich Sie nach Moskau ein“, meinte er sichtlich aufgebracht. „Wir sind ein multikonfessionelles Land. Wir haben auch in diesem Bereich Fachleute. Ich empfehle Ihnen, die Operation so durchführen zu lassen, dass bei Ihnen nichts mehr nachwächst.“
    Die russischen Journalisten waren offenbar die Einzigen im überfüllten Saal, die den Präsidenten verstanden. Die Mehrheit war auf die Übersetzung ins Englische angewiesen. Darin war freilich von „beschneiden“ und „nichts mehr nachwachsen“ keine Rede mehr.
    Auslöser für Putins Zorn war die Frage des Franzosen, ob der Kampf gegen den Terror nicht in Wahrheit ein Kampf gegen das tschetschenische Volk sei. 
    Putin antwortete zunächst ruhig („Tschetschenien ist ein komplexes Problem“), geriet dann aber zunehmend in Rage. Russland sei die erste Verteidigungslinie gegen die Islamisten, die alle Ungläubigen töten wollten. „Wenn Sie ein Christ sind, sind Sie in Gefahr." Selbst „wenn Sie Moslem werden, würde Sie das nicht retten“. Denn auch traditionelle Muslime seien ein Ziel. Daraufhin folgte die geschmacklose Bemerkung.
    In Russland sorgten die Äußerungen des Präsidenten sofort für einen Eklat. Das russische Fernsehen brachte die umstrittenen Passagen zwar nicht, die Zeitungen aber umso ausführlicher. Brüssel brauchte durch die Auslassungen des Dolmetschers hingegen mehrere Tage, um die Entgleisung überhaupt wahrzunehmen.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Neues Deutschland 2002-11-14, taz 2002-11-13, Salzburger Nachrichten 2002-11-14. Bild: Archiv.] www.uebersetzerportal.de