2002-11-19
Jürgen Seebeck – vom Manga-Übersetzer zum Manga-Zeichner. Ausstellung in Hamburg
In Hamburg ist gerade eine Ausstellung angelaufen, in der auch Werke von Jürgen Seebeck (41) gezeigt werden. Seebeck hat sich in der Pionierphase der Mangas in Deutschland als Übersetzer einen Namen gemacht, bevor er vor einigen Jahren zum Manga-Zeichner wurde.
    Seebeck studierte Japanologie in Hamburg. 1989 erhielt er ein Stipendium des japanischen Kulturministeriums für einen einjährigen Aufenthalt an der Jochi Daigaku (Sophia-Universität) in Tokio. Seine japanische Frau Junko Iwamoto-Seebeck, die er schon in Hamburg kennen gelernt hatte, begleitete ihn. 
    Junko Iwamoto-Seebeck: „Ich arbeitete zu dieser Zeit in der internationalen Abteilung des Kodansha-Verlags in Tokyo. Damals war gerade beschlossen worden, Otomo Katsuhiros Manga-Meisterwerk Akira auch in Deutschland erscheinen zu lassen. Der deutsche Verlag, der Akira herausgeben wollte, suchte nach Übersetzern.“
    Die beiden bekamen den Job. Und in den Folgejahren übertrugen sie auch Serien wie Dragon Ball, Astro Boy, Battle Angel Alita und Dr. Slump ins Deutsche – nach Ansicht der kritischen Manga-Fangemeinde erstklassig. Seebeck hatte so viel zu tun, dass er sein Studium nicht mehr beendete.
    Wegen der Übersetzungsarbeit waren sie oft in den Redaktionsräumen von Kodansha, wo eines Tages ein Redakteur Seebecks Zeichentalent entdeckte. Er bot ihm an, für Morning zu arbeiten, ein Manga-Magazin, das in Japan wöchentlich in einer Auflage von einer Million erscheint. Sein Debüt als Zeichner hatte Seebeck dann 1997 mit Bloody Circus.
    Seit einiger Zeit beschäftigt sich der Hamburger auch mit so genannten E-Mangas im Internet. Im Unterschied zur statischen Präsentation herkömmlicher Comics sind diese animiert und mit Musik und Tönen unterlegt. „Da entsteht etwas, das sich von normalen Comic-Heft fundamental unterscheidet“, sagt Seebeck. Bloody-Circus-Episoden kann man sich auf den Seiten des Carlsen-Verlags als E-Manga anschauen (Shockwave muss installiert sein).


Seebeck-Zeichnung aus Bloody Circus

Die Mangas von Seebeck sehen vom Zeichenstil her nicht wie typische Mangas aus. In seinen Geschichten verknüpft er europäische und japanische Mythen.
    Er sieht sich nicht als Künstler, sondern eher als Handwerker und Unterhalter: „Ich will mit den Bildergeschichten unterhalten und keine besondere Botschaft vermitteln.“

Manga – was ist das?

„Japanische Comics sind keine Spielart westlicher Comics. Sie sind eine komplett andere Welt", weiß Georg F.W. Tempel, Cheflektor bei Egmont Manga & Anime. Die wichtigsten Unterschiede: 

  • Mangas sind filmischer angelegt als westliche Comics. Den Schnitten im Film entspricht das dynamische Seitenlayout. Es gibt kein starres Seitenraster.
  • Mangas sind in der Regel schwarz-weiß mit nur wenigen Farbseiten und im Vergleich zu westlichen Comics sehr umfangreich.
  • Es gibt weniger Bilder pro Seite und sehr viel weniger Sprechblasen als bei westlichen Arbeiten. Das Ideal: Pro Bild eine Aktion, eine Information und, wenn gesprochen wird, eine Sprechblase.
  • Die Augen sind das wichtigste Ausdrucksmittel. Gefühle wie im Westen mit Mundwinkeln auszudrücken, gilt als sehr platt.
  • In westlichen Comics muss man zwischen zwei Bildern gedanklich etwas ergänzen. In japanischen Arbeiten wird das „Dazwischen“ hingegen ausführlich dargestellt.
  • In Japan gibt es Mangas zu allen möglichen Themen und für jede Altersgruppe. Die Themen reichen von Science Fiction und Fantasy bis hin zu den Hentais, erotischen bis pornografischen Bildergeschichten.
  • Mangas entstehen immer in einem Team aus Zeichnern und Redakteuren. Japanische Autoren sehen sich nicht als Künstler. Für sie steht der Leser im Mittelpunkt. Der westliche Comic-Zeichner ist hingegen in der Regel ein egoistischer Künstler, möchte sich selbst verwirklichen, lässt sich von niemandem hineinreden und pfeift im Grunde auf Leser und Kritiker.
Ungefähr 40 Prozent aller japanischen Druckerzeugnisse sind mittlerweile Mangas. 300 verschiedene Wochenmagazine gibt es, monatlich kommen ungefähr 400 Neuerscheinungen heraus. Die durchschnittliche Auflage beträgt 500.000 Exemplare, der Marktführer Shonen Jump verkauft wöchentlich eine Auflage von sechs Millionen. Die Hälfte der Produktion wendet sich ausschließlich an Erwachsene.

Glossar

Manga bedeutet ursprünglich „zielloses, spontanes Bild“. Der Ausdruck wurde 1814 durch den berühmten Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai geprägt. Er wollte den freien Fluss und die Unabgeschlossenheit der Bilder ausdrücken. Der Begriff geriet dann etwas in Vergessenheit und wurde 1899 von dem Zeichner Kitazawa Rakuten wieder aufgegriffen, der unter diesem Titel eine Sammlung seiner Karikaturen herausgab. Von da an setzte sich die Bezeichnung allmählich in der Alltagssprache durch.
    Heute wird „Manga“ als Zusammensetzung der beiden Kanji „Man“ (komisch, witzig) und „Ga“ (gezeichnetes und gedrucktes Bild) interpretiert. In Japan heißen alle Comics „Manga“. Im Westen ist der Ausdruck ein Synonym für japanische Comics.
Anime ist die japanisierte Form des englischen Ausdrucks „animation film“. Anime bezeichnet in Japan ganz allgemein einen Zeichentrickfilm. Im Westen ist der Ausdruck zum Synonym für japanischen Zeichentrick geworden.
Hentai, japanisch für „abartig“, „pervers“, bezeichnet erotische bis pornografische Anime und Manga.

Wanderausstellung „Manga – Die Welt der japanischen Comics“
Konzipiert vom Japanischen Kulturinstitut (Japan Foundation) in Köln. Gezeigt werden auch Originalzeichnungen von Jürgen Seebeck. Für den Sonntagsausflug mit mangabegeisterten Kindern eignet sich die Ausstellung allerdings nicht. Kurator Natsume Fusanosuke hat sich auf ein überschaubares Segment unabhängig produzierter Autoren-Mangas aus den letzten beiden Jahrzehnten konzentriert. (Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2, www.deichtorhallen.de. 8. November 2002 bis 5. Januar 2003. Geöffnet dienstags bis sonntags 11.00-18.00 Uhr, montags geschlossen.)


Azuka Langley aus der Serie Neon Genesis Evangelion

[Text: Richard Schneider. Quelle: Zeit 1999-03-11, Welt 2002-08-18, comicradioshow 2000-10-31, www.zitty.de, www.stern.de. Bild: Junko Iwamoto-Seebeck, Carlsen Verlag.]


Jürgen Seebeck


Bloody-Circus-Titel