2002-11-25
Luan Krasniqi – vom Gerichtsdolmetscher zum Box-Europameister
Bis vor wenigen Jahren stand Luan Krasniqi (31) noch im Durchschnitt zehn Mal pro Monat als Dolmetscher vor dem Rottweiler Amts- und Landgericht. Der von Bekannten und Freunden als zuvorkommend, charmant, nachdenklich, intelligent und manchmal ein bisschen treuherzig geschilderte Krasniqi gilt als Sprachtalent. 
    Aufgewachsen ist er im Städtchen Junik im Kosovo mit den Sprachen Albanisch und Serbokroatisch. Das jüngste von acht Kindern kosovo-albanischer Eltern wuchs bei den Großeltern auf. Erst mit 16 Jahren zog er zu seinen Eltern ins baden-württembergische Rottweil, wo diese seit 1970 leben. 
    Ohne Schwierigkeiten lernte er Deutsch. Spanisch brachte ihm seine von der iberischen Halbinsel stammende Freundin bei. Englisch paukte er auf dem Gymnasium und als Hobby lernte er Italienisch. 
    Er machte Abitur, schloss eine Lehre als Großhandelskaufmann an und wurde Kundenberater einer Bausparkasse. Mit 23 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Nebenberuflich glänzte er regelmäßig als Dolmetscher vor den Gerichten der Region.
    Aber Luan Krasniqi hat neben Sprachen noch eine andere Leidenschaft: Gleich als er mit 16 nach Deutschland kam, fing er beim BSV Rottweil mit dem Boxen an. Mit 25 war das 1,92 Meter große Ausnahmetalent Vizeweltmeister der Amateure, 1996 Europameister und Olympiadritter in Atlanta.
    Und so entschloss er sich, Profi zu werden. Krasniqi: „Ich wollte es wissen. Reiz und Ehrgeiz waren groß.“ 
    Er heuerte beim Londoner Boxstall Panix Promotions an, wo auch Lennox Lewis unter Vertrag stand. Weltmeister Lewis über Krasniqi: „Luan besitzt alle Voraussetzungen, ein ganz Großer zu werden. Er war der beste Sparringspartner, den ich jemals hatte.“ Auf der Insel konnte Krasniqi außerdem seine Englischkenntnisse perfektionieren.
    2001 kam er zurück nach Deutschland und unterschrieb einen Dreijahresvertrag bei der Hamburger Universum Box-Promotion, von der auch die Klitschko-Brüder betreut werden. 
    Der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere war der 5. Januar 2002, als er Europameister im Schwergewicht wurde – der erste deutsche seit 29 Jahren. Und das dürfte noch nicht die Endstation sein. Sein Trainer ist davon überzeugt, dass er eines Tages Weltmeister wird.
    Krasniqi weiß, dass er noch Zeit hat. Schwergewichtler reifen spät, 31 ist da kein Alter.


Luan Krasniqi bei der Arbeit

[Text: Richard Schneider. Quelle: Tagesspiegel 2002-11-23, Berliner Zeitung 2000-07-29, Welt 2002-01-05, www.boxring.de, www.luankrasniqi.com. Bild: Krasniqi.]


Luan Krasniqi