2002-12-03
„Höchstens ein Prozent lobt auch mal unsere Arbeit“ – die Krankenhausdolmetscher von Hamburg-Eppendorf
Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wurde 1994 im Rahmen eines Forschungsprojekts ein Dolmetscherdienst ins Leben gerufen. Damals waren 17 Prozent aller Patienten Ausländer, die aus 90 verschiedenen Nationen kamen.
    Dem Initiator Niels-Jens Albrecht vom Institut für Medizin-Soziologie kam es bei der Auswahl der Dolmetscher nicht in erster Linie auf Diplome an, sondern eher auf die „Kultur- und Heimatkompetenz“ von zweisprachig und bikulturell aufgewachsenen Sprachmittlern.
    Im Lauf der Jahre wuchs sein Team auf 100 freiberufliche Dolmetscher für 50 Sprachen. Keine andere deutsche Klinik leistet sich einen ähnlich gut ausgebauten Sprachendienst.
    Der Service wird auch von den Ärzten geschätzt, die allerdings in erster Linie an ihrer eigenen juristischen Absicherung interessiert sind. Bei Einwilligungserklärungen für Operationen müssen sie nachweisen, dass der Patient alles genau verstanden hat. 
    Die Dolmetscher selbst werden von den Halbgöttern in Weiß eher geduldet als geschätzt. „Höchstens ein Prozent lobt auch mal unsere Arbeit“, so die Arabisch-Dolmetscherin Raoua Allaoui (27).
    Ganz anders sieht die Aufnahme auf Seiten der Patienten aus. Allaoui: „Die Patienten verbinden meist überschwängliche Erwartungen mit dem Dolmetscher.“ 
    Sebnem Bahadir war früher Türkisch-Dozentin am FASK Germersheim und lehrt heute am Fachbereich Übersetzen und Dolmetschen der Bogaziçi-Universität in Istanbul. Häufig ist sie als Vortragsreisende in Sachen Community Interpreting unterwegs (kommendes Wochenende zum Beispiel in Saarbrücken). Ihrer Einschätzung nach besitzt das medizinisch-soziale Dolmetschen ein geringes Prestige: „Kaum ein diplomierter Dolmetscher ist bereit, unter den gebotenen Arbeitsbedingungen und Stundensätzen in den Kliniken zu arbeiten.“ Das Dolmetscherideal heiße nun einmal Konferenzdolmetscher. Sie fordert daher alternative, kürzere Ausbildungswege, die sich an den konkreten Anforderungen der Krankenhausdolmetscher orientieren.
    Die jährlich 1.500 Dolmetscheinsätze sind für die Hamburger Uni-Klinik trotz aller Erfolge in erster Linie ein Kostenfaktor, der mit 150.000 Euro pro Jahr zu Buche schlägt. Die Krankenkassen beteiligen sich daran nicht.
    Um Geld zu sparen, wurde der Dolmetscherdienst deshalb im März dieses Jahres aus dem Klinikum ausgelagert. Für die Vermittlung ist nun das Übersetzungsbüro global words in Eisenach zuständig. 
    Die Dolmetscher waren davon gar nicht begeistert. Viele fühlen sich nun zu reinen Dienstleistern degradiert. Der Kontakt zum Auftraggeber beschränkt sich auf Abrechnungszettel, eine Krankenhaus-interne Anlaufstelle zur Klärung von Fragen gibt es nicht mehr.
    Ein weiterer Nachteil: global words hat ab 18 Uhr und an Wochenenden geschlossen. Deshalb melden sich die Ärzte oder Schwestern immer noch meist direkt auf dem Handy der Dolmetscher.
    Wegen des Kostendrucks ist es gut möglich, dass die Hamburger Dolmetscher künftig häufiger für selbst zahlende Ölscheichs, neureiche Russen und andere Medizintouristen arbeiten. Das Krankenhaus ist durchaus an dieser Klientel interessiert und kann bereits entsprechende Erfolge vorweisen. „Wer diese Patienten will, muss bestimmte Standards bieten“, sagt Behrend Behrends, der kaufmännische Direktor der Klinik. 
    Bei arabischen Patienten scheint sich die hervorragende sprachliche Betreuung bereits herumgesprochen zu haben. Anders ist kaum zu erklären, dass sich 70 Prozent der bei global words angeforderten Dolmetscheinsätze auf die arabische Sprache beziehen.
    Das Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf besteht aus 16 Kliniken und 15 Instituten. Mit 1.495 Betten ist es eines der größten Krankenhäuser in Hamburg. Jährlich werden rund 52.000 Patienten stationär aufgenommen. Hinzu kommen 200.000 ambulante Behandlungen und rund 50.000 Notfälle. Von den mehr als 6.000 Beschäftigten sind etwa 1.300 Ärzte und Naturwissenschaftler. Im Pflegedienst arbeiten insgesamt 3.000 Menschen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Jeannette Otto in Die Zeit 2002-11-14, gefunden von Giorgio Mauro. Bild: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.]