2002-12-06
MEMRI bietet kostenlos Übersetzungen arabischer Medienberichte an – in pro-israelischer Auswahl?
Im Februar 1998 wurde in Washington das Middle East Media Research Institute (MEMRI) gegründet, das Artikel aus arabischen, iranischen und israelischen Medien übersetzt und im Internet kostenlos und unkommentiert anbietet. Über eine Mailingliste kann sich jedermann mehrmals pro Woche aktuelle Texte zuschicken lassen.
    Zu Beginn interessierte sich nur eine Hand voll Abonnenten für diesen Dienst. Durch den Terror im Nahen Osten und vor allem die Anschläge vom 11. September ist das Interesse an Informationen aus der arabischen Welt aber sprunghaft angestiegen. Inzwischen stehen mehr als 12.000 Personen auf der Mailingliste. Vor allem von amerikanischen Journalisten werden die Übersetzungen begierig aufgesogen und nachweislich auch verwertet.
     Inzwischen gibt es MEMRI-Außenstellen in Jerusalem, London und seit Februar 2002 auch in Berlin. Das Institut beschäftigt zurzeit rund 30 Personen, davon 20 Übersetzer.
    MEMRI bezeichnet sich selbst als unabhängig und überparteilich und erklärt, lediglich zum Überwinden einer Sprachbarriere beitragen zu wollen. Dauernutzer wie die britische Zeitung The Guardian und die Neue Zürcher Zeitung melden jedoch Zweifel an: MEMRI werde seinem Anspruch, als wissenschaftliches Institut einen repräsentativen Einblick in die Medien des Nahen Ostens zu bieten, nicht gerecht. Vielmehr sei bei der Auswahl der Beiträge festzustellen, dass diese entweder die Politik Israels bestätigten oder die arabischen Autoren als Extremisten darstellten und deren Medien damit diskreditierten. Immerhin sei die Textauswahl des Berliner Büros aber ausgeglichener als die der Washingtoner Niederlassung.
    Ibrahim Hooper vom „Council on American-Islamic Relations“ schreibt in der Washington Times: „Memri's intent is to find the worst possible quotes from the Muslim world and disseminate them as widely as possible.“
    James Zogby, Präsident des „Arab American Institute“, weiß, dass in der arabischen Presse immer wieder antiwestliche und antijüdische Hasstiraden erscheinen, die von MEMRI eifrig übersetzt und unters Journalistenvolk gestreut werden. Das Institut verzerre das Bild aber, da es nicht in gleicher Weise die Artikel der antipalästinensischen Volksverhetzer in der jüdischen Presse übersetze und publiziere. Zogby: „Is there incitement in the Israeli press? Yes, there is. Are there disgraceful articles that treat Arabs in racist ways that should raise concern in the West? Yes, there are. Are those articles known? No, they aren’t. MEMRI made it a one-sided issue.“
    MEMRI-Präsident und Mitbegründer Yigal Carmon (56), ein Israeli, der fließend Arabisch spricht, weist diese Vorwürfe zurück. Er wolle lediglich aufklären und habe durch seine Übersetzungen zum Beispiel schon mehrfach nachweisen können, dass einige arabische Politiker in ihren Heimatländern, wo sie sich vom Westen unbeobachtet fühlen, ganz anders reden als vor westlichen Mikrofonen.
    Mirjam Gläser und Goetz Nordbruch vom Berliner MEMRI-Büro weisen den Vorwurf der Parteilichkeit ebenfalls zurück: „Wenn ein Orient-Institut einen arabischen Chef hat, so hält man das immer für ein Zeichen von Kompetenz. Wenn der Chef aber ein Jude ist, wieso gilt das dann als Zeichen der Subjektivität und Parteilichkeit?“
    Wer MEMRI finanziert, lässt sich nur vermuten. 1998 wies das Institut Zuwendungen von Stiftungen und Einzelspendern in Höhe von 106.000 USD aus, im Jahr 2000 waren es 500.000 USD. Warum werden die Namen der Spender nicht genannt? Yigal Carmon sagt, er habe nicht deren Erlaubnis, die Namen zu veröffentlichen.
    Carmon war 22 Jahre Mitarbeiter des militärischen Geheimdienstes in Israel und bis 1993 Terrorismus-Berater der israelischen Regierung. Nach Recherchen des Guardian haben neben ihm noch weitere MEMRI-Mitarbeiter früher für den Geheimdienst gearbeitet.

Unser Kommentar: Eigentlich unverständlich ist, dass sich MEMRI heute – anders als in den Anfangsjahren – nicht mehr offen zur Lobbytätigkeit für seine Geldgeber bekennt und stattdessen vorgibt, ein unabhängiges wissenschaftliches Institut zu sein. 
    Noch unverständlicher ist allerdings, dass die arabischen Medien nicht selbst eine übersetzte Presseschau anbieten, sondern diese wichtige Mittlerfunktion ausgerechnet einem langjährigen Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes überlassen.
    Wer einen repräsentativen Überblick über die Stimmen im Nahen Osten gewinnen möchte, sollte neben MEMRI auf jeden Fall auch andere Internet-Dienste wie die Arab Media Review in Anspruch nehmen. Diese wird von deutschen Islamwissenschaftlern betrieben. Der von ihr herausgegebene MidEast Press Digest (MEPD) wird allerdings nicht kostenlos verteilt, sondern kostet Geld: 165 Euro im Jahr.

Die englischsprachige Ausgabe von MEMRI präsentiert sich unter www.memri.org, die deutschsprachige unter www.memri.de. Die Arab Media Review finden Sie unter www.arabmedia.de. Eine ausführliche Entgegnung des deutschen MEMRI-Büros auf den Vorwurf, eine neokonservative, pro-israelische Lobbyorganisation zu sein, finden Sie im „Portal für Gesellschaftskritik“ x-berg.de.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Neue Zürcher Zeitung 2002-11-29; The Guardian 2002-08-12, 2002-08-21; Berliner Zeitung 2002-10-02; Tagesspiegel 2002-04-12.]