2002-12-07
Berliner Korruptionsaffäre: Jetzt wird gegen 12 Dolmetscher ermittelt. Neue unglaubliche Details
Die Ermittlungen in der Berliner Korruptionsaffäre (wir berichteten) sind ausgeweitet worden. Jetzt wird nicht mehr nur gegen einen, sondern gegen zwölf Dolmetscher ermittelt. Das Neueste in Kürze:
    Der Hauptbeschuldigte Kemal E. hatte über die Lieferung der 24 Computer einen regelrechten Vertrag mit dem LKA abgeschlossen. Die Computer werden darin als „unentgeltliche und unbefristete Leihgabe“ bezeichnet. Ausdrücklich wird in dem Papier vermerkt, dass das Land Berlin sich nicht verpflichte, Kemal E. als Gegenleistung Dolmetschaufträge zu erteilen. Wie bekannt, ist dies allerdings offenbar doch geschehen.
    Auf die Idee mit den Computern soll Kemal E. 1995 gekommen sein. Er hatte erfahren, dass ein großes Übersetzungsbüro aus Nordrhein-Westfalen der Polizei ein Angebot zur Computernutzung unterbreitet hatte. Dieser Konkurrenz wollte er zuvorkommen.
    Zum Tatkomplex Abrechnungsbetrug wurden Belege gefunden, nach denen Dolmetscher 41 Stunden ohne Pause abgehörte Telefonate übersetzt haben wollen. In anderen Fällen wurde ein und derselbe Auftrag von zwei Dolmetschern in Rechnung gestellt. 
    Der sich benachteiligt fühlende Dolmetscher, der mit seiner Anzeige den Stein ins Rollen gebracht hatte, geht davon aus, dass jeder der an den Machenschaften beteiligten Dolmetscher allein beim LKA Berlin zwischen 150.000 und 250.000 Euro pro Jahr abgezockt hat.
    Übersetzer berichten gegenüber der Berliner Zeitung, dass das „Klinkenputzen mit Geschenken“ gang und gäbe sei. Manch einer revanchiere sich für einen Auftrag „mindestens mit Sekt oder Pralinen“.
    Nach Informationen des Blattes gibt es rund 1.600 vom Präsidenten des Landgerichts Berlin beeidigte Dolmetscher. 700 stünden auf einer internen Liste der Polizei.
    Der Stundenlohn für Dolmetscher der Gruppe A (Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch, Russisch, Türkisch und Serbokroatisch) betrage 30,60 Euro zuzüglich eines eventuellen Nacht-, Feiertags- und Sonntagszuschlags von 8,30 Euro. In der Gruppe B (alle anderen Sprachen) würden 33,40 Euro und ein Feiertagszuschlag von 5,60 Euro gezahlt.

Den ausführlichen Artikel von Lutz Schnedelbach, Titel „Wie aus Dolmetschern Millionäre werden“, können Sie in der Berliner Zeitung lesen. [Externer Link. Möglicherweise nicht mehr gültig.] Siehe hierzu auch unser Dossier.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Berliner Zeitung 2002-12-07, Märkische Oderzeitung 2002-12-06. Bild: Polizei Berlin.]