2003-01-09
Latein in den letzten Zuckungen, Altgriechisch klinisch tot
Nach Jahren des Rückgangs haben im Schuljahr 2001/2002 in Deutschland zum ersten Mal wieder mehr Schüler Latein gelernt als im Vorjahr. Die Zahl stieg immerhin um 1,4 Prozent auf 627.122 Schüler. Von einer Trendwende kann man allerdings nicht sprechen. Der Anstieg ist zum Teil auf die Wiedereinführung des Lateinunterrichts in den neuen Bundesländern zurückzuführen.
    Bezogen auf die Gesamtzahl der Schüler an den allgemeinbildenden Schulen ist die Lateinquote in Bayern mit fast 9 Prozent seit 20 Jahren am höchsten. Das Schlusslicht bildet Bremen, dort lernen nur 3 Prozent Latein. 
    Die übrigen Bundesländer liegen im Mittelfeld. So liegt die Lateinquote in Baden-Württemberg bei 4,8 Prozent, in Thüringen bei 5,6 Prozent. Im Saarland hat sich die Anzahl der Schüler, die Latein lernen, in der Zeit von 1970 bis 2001 praktisch halbiert. Waren es 1975 noch 11 Prozent, entschieden sich im Jahr 2001 nur noch 5,1 Prozent der Schüler auch für Latein. (Allerdings wird an der Saar wie in keinem anderen Bundesland Französisch gelernt – und das ist ja auch etwas wert.)
    Einerseits ist Latein in gewisser Hinsicht „einfacher“ als moderne Fremdsprachen, weil kein aktives Sprechen verlangt wird. Aussprache und Rechtschreibung sind für Deutsche unproblematisch.
    Andererseits sind die intellektuellen Anforderungen eher höher. Lateinische Satzkonstruktionen lassen sich meist schwieriger auflösen als diejenigen moderner Sprachen. Ausdauer, logisches Denken und detektivisches Gespür sind gefragt – klassische Übersetzertugenden. Nur noch im Lateinunterricht wird regelmäßig übersetzt und damit auch die Ausdrucksfähigkeit im Deutschen geschult.
    Bei modernen Fremdsprachen besteht das Lernziel lediglich darin, die Kommunikationsfähigkeit herzustellen. Übersetzen wird weder gefordert noch gefördert.
    Altgriechisch wird in Deutschland nur noch von 0,13 Prozent der Schüler an allgemeinbildenden Schulen gelernt. Überraschenderweise liegt die Quote mit 0,43 Prozent in Berlin am höchsten, gefolgt von Hamburg mit 0,33 Prozent und Bayern mit 0,23 Prozent.
[Text: Richard Schneider. Quelle: FAZ 2002-12-31. Bild: SPQR.]

Julius Cäsar