2003-01-21
„Ich-AG“ ist Unwort des Jahres
Die sprachkritische Aktion Unwort des Jahres hat an der Universität Frankfurt am Main die von ihr gekürten Unwörter des Jahres 2002 vorgestellt. Hier die Rangfolge:
    1. Ich-AG als Bezeichnung für Ein-Mann-Unternehmen. Jury-Sprecher Horst Dieter Schlosser (65): „Diese Wortbildung leidet unter lächerlicher Unlogik, da ein Individuum keine Aktiengesellschaft sein kann. Die ,Ich-AG' ist damit einer der zunehmenden Belege, schwierige soziale und sozialpolitische Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schönzureden.“ Selbst als ironisches Bild sei das Wort nicht hinzunehmen, da sich die Arbeitslosigkeit mit so einer Art von Humor nicht vertrage.
    2. Ausreisezentrum für Asylbewerber-Abschiebelager. „Dieses Wort soll offenbar Vorstellungen von freiwilliger Auswanderung oder gar Urlaubsreisen wecken“, so Schlosser. „Es verdeckt damit auf zynische Weise einen Sachverhalt, der den Behörden wohl immer noch peinlich ist. Sonst hätte man eine ehrlichere Benennung gewählt.“ 
    3. Zellhaufen als Bezeichnung für einen menschlichen Embryo. Schlosser: „Mit dieser sprachlichen Verdinglichung von menschlichem Leben versuchen Biotechniker die ethischen Vorbehalte gegen Manipulationen an und sogar Tötungen von Embryonen zu unterlaufen. Damit reden sich die Biotechniker die ethischen Probleme vom Hals.“ 
    Insgesamt waren bei der Jury 1.744 Einsendungen mit 806 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. Mit 253 Einsendungen am häufigsten genannt wurde die von US-Präsident George W. Bush beschriebene „Achse des Bösen“. Warum wurde diese Bezeichnung dann nicht das Unwort des Jahres? Schlosser: „Sie wäre zweifellos das Unwort schlechthin, wenn in Deutschland irgendein seriöser Politiker oder Journalist dieses Wort ohne deutliche Distanzierung benutzen würde. Bei unserer Entscheidung kommt es nicht auf die Häufigkeit an, sondern vielmehr auf ein besonders krasses Missverhältnis von Wort und bezeichneter Sache.“
    Die Aktion „Unwort des Jahres“ rügt seit 1991 „Wörter oder Formulierungen aus der aktuellen öffentlichen Kommunikation, welche die Erfordernisse sachlicher Angemessenheit und humanen Miteinanders besonders deutlich verfehlen“.
    Das Unwort des Jahres wurde in den ersten Jahren von der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) gekürt, die auch das „Wort des Jahres“ auswählt. Die Unwort-Jury trennte sich jedoch wegen eines Streits um den Ausdruck „kollektiver Freizeitpark“ 1994 von der GfdS. Seitdem stellt sie das Unwort in eigener Regie vor.
    Ständige Mitglieder der Jury sind ihr Sprecher Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a.M.) sowie die Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Margot Heinemann (Görlitz-Zittau), Prof. Dr. Rudolf Hoberg (Darmstadt, GfdS-Vorsitzender) und Dr. Nina Janich (Regensburg). Zwei weitere Jurorensitze werden jährlich neu mit „Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis“ besetzt. In diesem Jahr waren dies ZDF-Redakteur Dr. Wolfgang Herles und der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Prof. Dr. Joachim Felix Leonhard.


Prof. Unwort in Aktion: Horst Dieter Schlosser

[Text: Richard Schneider. Quelle: www.unwortdesjahres.org, Bild, Netzeitung, Welt, Rheinpfalz, Bocholter-Borkener Volksblatt. Bild: Schlosser.]


Horst Dieter Schlosser