2003-01-27
Bei Anruf Rechnung. Von schwarzen Schafen und armen Schweinen 
Unter den Betreibern von Branchenverzeichnissen im Internet scheint es so manches schwarze Schaf zu geben. Jedenfalls häufen sich in den Diskussionsforen für Übersetzer seit einigen Monaten die Beschwerden darüber, dass Interessenten eine Rechnung erhalten, obwohl sie gar keinen Auftrag für einen Verzeichniseintrag erteilt haben. Der Ablauf ist immer gleich:
  1. Das schwarze Schaf ruft ein armes Schwein an und versucht, dieses mindestens dazu zu überreden, sich Infos zuschicken zu lassen.
  2. Das schwarze Schaf schickt dem armen Schwein Infos und eine Rechnung oder nur eine Rechnung zu. Oft befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits tatsächlich ein Eintrag mit den Daten des armen Schweins im Internet-Angebot des schwarzen Schafs.
  3. Das arme Schwein ist empört, denn es hat ja gar keinen Auftrag erteilt, und beschwert sich. (Tipp: Am besten scharf formuliert schriftlich protestieren. Bluffen ist erlaubt. Also auf jeden Fall das Wort ,Anwalt' einfließen lassen: „nach Rücksprache mit unserem Anwalt sind wir der Ansicht, dass ...“. Noch besser wirkt der Hinweis, das schwarze Schaf wegen unlauteren Geschäftsgebarens der zuständigen Verbraucherzentrale sowie der Bad Homburger ,Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs' zu melden. Manche schwarzen Schafe geben dann klein bei. Häufig geht es jedoch mit Punkt 4 weiter.)
  4. Das schwarze Schaf ignoriert die Beschwerde und schickt dem armen Schwein in Abständen von jeweils etwa einem Monat die erste, zweite und dritte Mahnung.
  5. Das arme Schwein ist inzwischen genervt und ignoriert die Mahnungen.
  6. Das schwarze Schaf lässt dem armen Schwein von einem Anwalt einen Drohbrief zuschicken.
  7. Das arme Schwein muss dem Anwalt mühsam die tatsächliche Sachlage erklären.
  8. Das schwarze Schaf lässt dem armen Schwein einen gerichtlichen Mahnbescheid zustellen.
Achtung! Das ist jetzt sozusagen der Showdown. Jetzt müssen Sie auf jeden Fall aktiv werden und dem Mahnbescheid insgesamt widersprechen. Dazu brauchen Sie nur die entsprechenden Felder auszufüllen und den Wisch an das Gericht zurückzuschicken. Falls Sie das nicht tun, darf das schwarze Schaf den Geldbetrag bei Ihnen pfänden lassen, obwohl die Forderung ungerechtfertigt ist!
    Wenn Sie den Widerspruch abgeschickt haben, werden Sie nie wieder etwas von dem schwarzen Schaf hören. Denn jetzt müsste Sie das schwarze Schaf eigentlich verklagen und vor Gericht nachweisen, dass Sie ihm einen Auftrag erteilt haben. Das kann es aber nicht, da Sie ja gar keinen Auftrag erteilt haben. Außerdem ist der Betrag, um den es geht, meist so gering, dass sich ein Gerichtsverfahren für das schwarze Schaf nicht lohnt.
    Einige schwarze Schafe weisen darauf hin, dass sie die Telefonate grundsätzlich auf Band aufzeichnen und daher nachweisen können, dass telefonisch ein Auftrag erteilt wurde. 
    Manche bitten gleich zu Beginn des Gesprächs sogar höflich um Erlaubnis, das Gespräch aufzeichnen zu dürfen. Wer würde da Nein sagen? Schließlich werden in vielen Call Centern die Gespräche gelegentlich zu Schulungszwecken und zur Kontrolle aufgezeichnet. Und außerdem weiß man zu Beginn des Gesprächs ja noch gar nicht, dass man es mit einem schwarzen Schaf zu tun hat.
    Egal, ob nun tatsächlich mitgeschnitten oder nur so getan wird – allein der Hinweis dürfte viele arme Schweine verunsichern. Denn wer kann sich schon noch daran erinnern, was er vor einem halben Jahr irgendeinem Idioten am Telefon erzählt hat? Die Furcht ist aber unbegründet, denn falls tatsächlich ein Mitschnitt existiert, beweist dieser nur, dass nie ein Auftrag erteilt wurde.
    Man fragt sich: Warum machen die schwarzen Schafe armen Schweinen wie uns eigentlich das Leben so schwer? Wahrscheinlich deshalb, weil es sich für sie finanziell lohnt. Gut möglich, dass von 100 auf diese Weise bedrängten armen Schweinen letztendlich 50 bezahlen. Einfach nur, um endlich Ruhe zu haben. 
    Aber eigentlich braucht man derartige Angelegenheiten nur intelligent auszusitzen. Doch auch das nervt, denn die Sache kann sich bis zu einem Jahr hinziehen.
[Text: Richard Schneider. Bild: Archiv.]