2003-01-28
Kann ein Übersetzungsfehler aus einem „Demonstranten“ einen „Vergewaltiger“ machen?
Gewährt die evangelische Kirche einem Kongolesen Asyl, der sich selbst der Vergewaltigung bezichtigt hat? Josu Ndualu flüchtete vergangene Woche mit seiner Frau und seinen beiden drei- und sechsjährigen Söhnen in den Schutz der St.-Gotthardt-Gemeinde in Brandenburg an der Havel, um der Abschiebung zu entgehen. 
    Das Ausländeramt hatte sein Asylgesuch bereits 1993 abgelehnt. Grund waren die Aussagen, die der Mann bei seiner Einreise gegenüber dem Bundesamt für die Anerkennung von Flüchtlingen gemacht hatte. Er berichtete, bei einer von ihm mitorganisierten Studentendemonstration in Kinshasa hätten „wir die Erziehungsministerin, die gekommen war, um Verhandlungen aufzunehmen, zuerst ausgepfiffen und dann vergewaltigt. Auch eine Tochter eines Ministers wurde vergewaltigt“. Der Kongolese gab an, er habe die Vergewaltigung nicht selbst begangen, sondern die Frauen „nur festgehalten“.
    Nach Ansicht des Pfarrers, bei dem der Kongolese derzeit lebt, ist dieser Vorwurf aber falsch. „Der Mann ist unschuldig“, so Pfarrer Christoph Vogel, stellvertretende Superintendent des Kirchenkreises Brandenburg. Die Selbstbezichtigung, Mittäter bei einer Vergewaltigung gewesen zu sein, sei auf einen Übersetzungsfehler zurückzuführen. Der Kongolese habe seine Aussagen in der afrikanischen Sprache Lingala gemacht, die für „Demonstration“ und „Vergewaltigung“ dasselbe Wort benutze.
    Lingala ist eine afrikanische Verkehrssprache. Gesprochen wird sie von rund sieben Millionen Menschen in der Republik Kongo, der Demokratischen Republik Kongo (bis 1997 Zaire) und einigen anderen Ländern südlich der Sahara. Sie wird überwiegend von Menschen benutzt, die eine andere Muttersprache haben. Dadurch kann sich die Sprachgenauigkeit abschleifen. Dass aber ein und dasselbe Wort sowohl „Vergewaltigung“ als auch „Demonstration“ bedeutet, hält Prof. Dr. Brigitte Reineke für ausgeschlossen. Sie ist Professorin für afrikanische Sprachen am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität Berlin.
    Die evangelische Gemeinde hingegen hat das Vernehmungsprotokoll am Berliner „Afrika-Center“ neu übersetzen lassen. Dort habe man die Verwechslungsversion bestätigt bekommen. Ndualu habe keineswegs angegeben, „die Vergewaltigten festgehalten“ zu haben. Vielmehr habe er die „Vergewaltiger“ festgehalten. Zudem sei der damalige Dolmetscher, ein Student, nicht bei Gericht zugelassen gewesen.
    Gegen den Pfarrer, der Kirchenasyl gewährte, hat die Staatsanwaltschaft Potsdam wegen Beihilfe zum Verstoß gegen das Asylgesetz Ermittlungen aufgenommen. Auch gegen den Kongolesen und seine Frau ist ein Verfahren eingeleitet worden.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Berliner Morgenpost 2003-01-27, Tagesspiegel 2003-01-27, Berliner Zeitung 2003-01-27, Focus. Bild: Sorat-Hotels.]

St. Gotthardt