2003-02-12
Dolmetscher versteht nichts. Drogendealer kommt frei
Über Monate hinweg hatte die Reutlinger Kripo im Jahr 2001 einige Schwarzafrikaner, ihre Helfershelfer und Kunden oberserviert, die in der Stadt einen schwunghaften Handel mit Rauschgift betrieben. Die Telefone der Verdächtigen wurden abgehört.
    Einer der Verdächtigen, ein 28-jähriger „Flüchtling“ aus Gambia, musste sich jetzt vor dem Reutlinger Amtsgericht verantworten. Dreißig Portionen Kokain zu jeweils etwa einem Gramm (Endabnehmerpreis damals rund 100 DM) soll der Mann einem Rauschgiftabhängigen geliefert haben. Dies hatte der Kunde gegenüber der Polizei selbst ausgesagt. 
    Im Zeugenstand schwieg aber plötzlich sowohl der frühere Kunde als auch alle anderen, die etwas hätten wissen können. Und ein eigens aus Bochum angereister „Experte für afrikanische Stammesdialekte“ konnte in den Bandaufzeichnungen der Telefonate keine einzige belastende Stelle entdecken. Und zwar deshalb, weil er den afrikanischen Dialekt, in dem sich die Mitglieder der Bande unterhielten, nur bruchstückhaft verstand. Ein zweiter hinzugezogener Dolmetscher verstand noch viel weniger.
    Und so wurde das Verfahren gegen den Gambier eingestellt. Er verließ den Gerichtssaal als freier Mann. 
    Hoffen wir, dass die „Sprachexperten“ nicht von dem berühmt-berüchtigten Bochumer Übersetzungsbüro entsandt wurden, das bereits 1993 beim Kölner Hahnwald-Prozess durch den Einsatz von unfähigen Laiendolmetschern und einen groß angelegten Abrechnungsbetrug in die Schlagzeilen geriet.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Reutlinger General Anzeiger 2002-02-11. Bild: Archiv.]