2003-03-07
Saddam-Interview: Fünf Übersetzer und ein falscher Araber. Sprecher täuscht Akzent vor
TV-Urgestein und Chefmoderator Dan Rather (71) vom US-Fernsehsender CBS ist es gelungen, für die Sendung „60 Minutes“ das wohl letzte große Interview mit Saddam Hussein (65) zu arrangieren. Dabei traten Vertreter unserer Berufsgruppe wie so oft als anonyme Randfiguren im Zentrum des Zeitgeschehens auf. 
    Das Interview fand in einem Palast des irakischen Präsidenten statt. Kameraleute, Tontechniker und die beiden Sprachmittler wurden von irakischer Seite gestellt. Der eine Dolmetscher übertrug die Fragen Rathers ins Arabische, der andere die Antworten Husseins ins Englische. Die Namen der beiden wurden nicht genannt.
    Bei einer Gelegenheit zeigte der irakische Staatschef, der offenbar etwas Englisch versteht, dass er die Worte seiner Dolmetscher genau verfolgt. Als einer den ehemaligen Präsidenten George Bush einmal nur als „Bush“ bezeichnete, wurde er von Saddam unterbrochen und darauf hingewiesen, dass er „Mr. Bush“ hätte sagen sollen. Dies sei eine Sache des Respekts.
    Einen Tag nach dem Interview übergaben die Iraker das Video an CBS. Der Sender prüfte das Band und stellte fest, dass das Interview vollständig aufgezeichnet und kein Passus entfernt wurde. Dann wurden „drei renommierte Arabisch-Übersetzer“ damit beauftragt, voneinander unabhängig Husseins Antworten noch einmal neu ins Englische zu übersetzen. Ergebnis: Die Erstübersetzung der irakischen Dolmetscher war vollständig und ohne Fehler.
    Als das Interview schließlich ausgestrahlt wurde, fiel den Zuschauern jedoch auf, dass die englische Stimme des irakischen Präsidenten einen arabischen Akzent hat. Viele glaubten, einen der irakischen Dolmetscher zu hören, der grammatikalisch korrekt, aber mit deutlichem Akzent die Übersetzung vorträgt. Dies ist jedoch nicht der Fall.
    Die Los Angeles Times hat inzwischen herausgefunden, dass es sich bei dem Sprecher um den von CBS angeheuerten Übersetzer und Synchronsprecher Steve Winfield handelt. Dieser beherrscht seine Muttersprache Englisch völlig akzentfrei. Die arabisch klingende Aussprache täuschte er lediglich vor – allerdings durchaus gekonnt. Kein Wunder, denn die Spezialität des Synchronsprechers Winfield sind Rollen mit ausländischem Akzent.
    Auf der Website seines früheren Arbeitgebers, der Agentur „Fabulous Voices“, heißt es, Winfield sei in der Lage, Aufnahmen auf Spanisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Deutsch anzufertigen. Darüber hinaus habe er 20 Jahre lang als Übersetzer in New York „Projekte in einer Vielzahl von Sprachen geleitet, darunter Chinesisch, Japanisch, Pandschabisch, Ungarisch, Schwedisch, Russisch und Tschechisch“. Bekannt ist, dass Winfield für das Fernsehen Werbefilme vertont hat, in denen er je nach Produkt einen deutschen, französischen oder lateinamerikanischen Akzent imitiert (siehe Tondatei). 
    Eine CBS-Sprecherin erklärte, Winfield sei von einem Übersetzungsbüro vermittelt worden. Sie wisse nicht, ob dieser Arabisch spreche. 
    Das Vorgehen des Senders stieß in der amerikanischen Medienbranche auf heftige Kritik. Die Los Angeles Times schreibt: „But in an environment in which many inside and outside the media business worry about the blurring of the lines between news and entertainment, the notion of CBS News hiring someone to fake an accent has met with some gasps, a few laughs and a lot of puzzlement.“
    Sprecher der Konkurrenzsender CNN, NBC und ABC erklärten auf Anfrage, sie würden in ihren Nachrichtensendungen nicht zulassen, dass jemand „einen Akzent vortäusche“. Ein früherer Topmanager des amerikanischen Fernsehens, der nicht genannt werden wollte, bezeichnete das Vorgehen von CBS als „bizarr“. In seinem eigenen Sender hätten die Übersetzer ihre Stimme nie verstellt.
    CBS weigerte sich, die Angelegenheit zu diskutieren und gab lediglich eine schriftliche Stellungnahme ab: „CBS News employed three independent and respected Arabic translators to provide a 100% accurate translation of the interview. A fourth such translator recorded the actual audio in a voice compatible with the piece. The '60 Minutes II' report conveyed a fully accurate translation of the interview that was in complete compliance with CBS News Standards.“
    Offenbar ist CBS inzwischen klar geworden, dass der Griff zu diesem Stilmittel aus der Unterhaltung ein Fauxpas war, der nicht gerade das Vertrauen in die Nachrichtenkompetenz des Senders erhöht hat. 
    Die Absurdität dieses Vorfalls wird deutlich, wenn man ihn auf europäische Verhältnisse überträgt. Man stelle sich vor, die „Tagesschau“ würde Chris Howland als deutsche Stimme von Tony Blair engagieren ...
    Die Sprachkünste von Steve Winfield als getürktem Araber können Sie auf den Seiten von CBS News bewundern (RealPlayer-Video des Interviews mit Saddam Hussein). 
    Eine Tondatei mit Dialektbeispielen Winfields aus der Werbung können Sie hier hören (WAV-Format). 


Saddam Hussein (rechts) empfängt Dan Rather zum Interview. 
In der Mitte einer der beiden irakischen Dolmetscher


Zwischen Rather und Hussein:
Unsere Kollegen bei der Arbeit

[Text: Richard Schneider. Quelle: n-tv 2003-02-27, Der Standard 2003-03-06, Los Angeles Times 2003-03-05. Bild: CBS, AP.]


Steve Winfield