2003-03-11
Serbe lehnt kroatischen Gerichtsdolmetscher ab, weil er ihn „nicht versteht“
Vor dem Zürcher Geschworenengericht muss sich zurzeit J. S. (29) wegen Mordversuchs, schwerer Körperverletzung und zahlreicher Diebstähle verantworten.
    Zu Prozessbeginn erklärte Verteidiger Hans Wipfli, sein Mandant beantrage die Auswechslung des Dolmetschers. Dieser spreche Kroatisch, eine Sprache, die der Angeklagte als bosnischer Serbe nicht verstehe.
    J. S. machte geltend, er sei in Banja Luka aufgewachsen, einer serbischen Stadt in Bosnien. Der Dolmetscher hingegen stamme aus dem kroatischen Istrien und spreche ein für ihn nur schwer verständliches Serbokroatisch. Deshalb habe er schon während der vorangehenden Verhöre dessen Auswechslung gefordert.
    Der vom Gericht bestellte Dolmetscher für Serbokroatisch ist seit zehn Jahren für die Zürcher Justiz tätig. Er sagte, dass jemand seine Dienste ablehne, sei noch nicht vorgekommen, auch wenn es zum Beruf gehöre, während der Verhöre beschimpft und bedroht zu werden. 
    Der Dolmetscher erklärte, Serbisch und Kroatisch seien seit 100 Jahren einander angeglichen worden – unter Tito vollständig. Heute bestünden etwa so große Unterschiede wie zwischen zwei Schweizer Dialekten. Es handle sich um eine Sprache, auch wenn Nationalisten beider Seiten dies nicht wahrhaben wollten. Sie als unterschiedliche Sprachen zu bezeichnen sei nichts als propagandistisches Getue und sprachwissenschaftlicher Unsinn. „Der Angeklagte versteht den Dolmetscher einwandfrei, aber logischerweise nur, wenn er will“, so der Dolmetscher.
    Das Gericht befragte daraufhin die Bezirksanwältin, die den Angeklagten mit Hilfe des Dolmetschers vernommen hatte. Da sich aus ihren Schilderungen jedoch keinerlei Anhaltspunkte für eine mangelnde fachliche Qualifikation des Dolmetschers ergaben, lehnte Gerichtspräsident Dr. Hans Mathys den Antrag auf Auswechslung des Dolmetschers ab.
    Die Ausführungen der Bezirksanwältin verdeutlichten hingegen noch einmal die in der Anklageschrift erwähnte „besondere Skrupellosigkeit“ des Bosniers. Noch bevor ein Komplize aussagen konnte, sei der Angeklagte während eines Verhörs unvermittelt aufgestanden und habe ihm mit dem Ellenbogen einen kräftigen Stoß ins Gesicht versetzt. Der Komplize des Angeklagten sei dadurch derart eingeschüchtert gewesen, dass er am ganzen Körper gezittert und die Aussage mit der Begründung verweigert habe, er fürchte um sein Leben.
    J. S. war 1995 illegal in die Schweiz eingereist. Noch im selben Jahr soll er den Besitzer eines illegalen Spielcasinos mit drei Schüssen in den Kopf lebensgefährlich verletzt haben, als dieser kein „Schutzgeld“ bezahlen wollte.
    Bekannt wurde er aber vor allem als „Ausbrecherkönig“, da ihm bereits viermal die Flucht aus der Untersuchungshaft gelang. 1996 nahm er im Bezirksgefängnis Lenzburg sein Metallbett auseinander, wuchtete mit einem Eisen die Tür auf und kletterte über die Dachrinne aus der Strafanstalt. Nach der erneuten Festnahme gelang ihm später noch einmal die Flucht aus dem Gefängnis in Winterthur und dem Flughafengefängnis in Kloten. Zuletzt öffnete er 2000 während eines Verhörs in Zürich ein Fenster und rutschte über ein Wasserrohr aus dem zweiten Stock in die Freiheit. 
    Für den Prozess sind mehr als 130 Zeugen geladen. Das Urteil soll am 9. April verkündet werden.
[Text: Richard Schneider. Quelle: Neue Zürcher Zeitung 2003-03-11, Aargauer Zeitung 2003-03-11, Schaffhauser Nachrichten 2003-03-11. Bild: Kanton Zürich, Geschworenengericht Zürich.]

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Hans Mathys