2003-04-29
„Keine Bewegung, Sie sind verhaftet!“ – Dolmetscheralltag im besetzten Irak
Interessante Einblicke in den Berufsalltag unserer Kollegen im besetzten Irak gewährt folgende Passage aus einem längeren Zeitungsartikel: 
Sergeant Gueringer ist im Namen von Ordnung und Gerechtigkeit unterwegs, und in diesem Fall erfordert die Angelegenheit ganz klar „action“. Kirkuk, im Norden Iraks. Ein Übersetzer hat dem US-Soldaten gerade vermittelt, dass die tränenüberströmte irakische Frau vor ihm im Namen Gottes schwört, ein bewaffneter Kurde habe sie samt Familie aus ihrem Haus vertrieben. Die entsprechende Eintragung ins Grundbuchamt von Kirkuk hat sie gleich mitgebracht.
    Sergeant Gueringer zögert keine Sekunde und befiehlt seinen Leuten sowie den sie begleitenden fünf irakischen Polizisten, das Haus zu sichern. Filmreif erobern sie die Villa, und heraus kommt ein stoisch dreinblickender schnauzbärtiger Kurde, der gerade dabei war, das Gebäude für eine kleine kurdische Splitterpartei einzurichten. Seine zwei Kalaschnikows werden konfisziert.
    Sergeant Gueringer und sein irakischer Übersetzer sind ein eingespieltes Team: Immer wenn der US-Unteroffizier die Stimme erhebt, beginnt auch sein Übersetzer auf Arabisch zu schreien. „Fass mich nicht an, keine Diskussion, du verschwindest hier, und wir wollen dich hier nicht wiedersehen“, heißt es dort etwa in zweisprachiger Wortwahl. Der übersetzte Einwand des Kurden, der Besitzer des Hauses sei doch ein ehemaliger hoher Geheimdienstoffizier, der nach Bagdad geflohen sei und seine Familie zurückgelassen habe, will Sergeant Gueringer nicht gelten lassen. Die Papiere beweisen: Rechtmäßiger Eigentümer sei die Familie der Frau – Punkt. Aus.
    Der Kurde flüstert der Araberin etwas auf Kurdisch zu und schreitet anschließend gemächlich davon. „Sag der Familie, dass sie ihr Haus hiermit zurückhat“, befiehlt Sergeant Gueringer seinem Übersetzer. Alles schön und gut, meint die Frau dazu, aber der Mann habe ihr gerade auf Kurdisch zugeflüstert, sie könne etwas erleben, wenn die Amerikaner erst einmal weg sind.
    Sergeants Gueringers Ehre steht auf dem Spiel. Nehmt den Mann fest, befiehlt er seinen Boys. Was folgt, ist wie eine Szene aus „Miami Vice“: „Keine Bewegung, Sie sind verhaftet!“ Mehrere Soldaten stürzen sich auf den Kurden, drücken ihn in den Straßenstaub, drehen ihm die Arme auf den Rücken und legen Plastikhandschellen an, während die anderen ihre Waffe auf ihn richten. Wutschnaubend kommen Sergeant Gueringer und sein Übersetzer angelaufen. „Du glaubst wohl, wir sind Vollidioten. Du hast Glück, dass wir dich jetzt verhaften, denn wenn du zurückgekommen wärst, hätten wir dich erschossen“, wird zweisprachig Dampf abgelassen.
[Text: Richard Schneider. Quelle: taz 2003-04-29. Bild: Archiv.]