2003-05-23
Zweite Fremdsprachen an deutschen Schulen: Spanisch und Italienisch holen auf. Französisch, Latein und Russisch verlieren
Der Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen wird von der Weltverkehrssprache Englisch dominiert. Alle übrigen Fremdsprachen haben es schwer. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts für das Schuljahr 2000/2001:
 
Zweite Fremdsprache
Zahl der Lerner
Französisch
 1.600.000
Latein
619.000
Russisch
164.000
Spanisch
118.000
Italienisch
42.000

Folgende Entwicklungen lassen sich beobachten: Die Zahl der Spanisch-Lerner nimmt starkt, die der Italienisch-Lerner leicht zu. Französisch, Latein und Russisch werden hingegen von immer weniger Schülern gelernt.
    Die Zahl der Spanischlerner erscheint auf den ersten Blick gering. Spanisch verzeichnet aber die höchsten Zuwachsraten. 1970 gab es in Westdeutschland nur 2.500 Spanischlerner, heute sind es in ganz Deutschland 118.000.
    Spanisch-Befürworter weisen darauf hin, dass die Sprache mit mehr als 400 Millionen Sprechern ebenso wie das Englische eine Weltsprache ist. Französisch kommt nicht einmal auf die Hälfte. 
    Die Motivation der Schüler, sich für Spanisch zu entscheiden, dürfte freilich viel profanere Gründe haben: In den bei Jugendlichen beliebten billigen Ferienländern wie Spanien und der Dominikanischen Republik sind Spanischkenntnisse beim Urlaubsflirt halt ungemein nützlich.
    Nach einer Umfrage des Instituto Cervantes würden 14,1 Prozent der Deutschen gerne Spanisch lernen, aber nur 10,2 Prozent Französisch. An den Schulen spiegelt sich dieses größere Interesse am Spanischen nicht wieder, weil die Sprache an den meisten Schulen nicht angeboten wird. Französisch wird als Sprache des Nachbarlandes von den Kultusministerien nach wie vor aus politischen Gründen bevorzugt. Herbert Krüger vom Fachverband Moderne Fremdsprachen in Berlin meint: „Würde man die Schüler fragen, bliebe Französisch auf der Strecke.“
    Zunehmender Beliebtheit erfreut sich in jüngster Zeit auch Italienisch. Mit 42.000 Lernern spielt es aber insgesamt nur eine untergeordnete Rolle.
    Russisch hat vor allem in den östlichen Bundesländern eine starke Basis. Ebenso wie beim Französischen nimmt die Zahl der Lerner jedoch ab. 
    „Rund ein Drittel der Abiturienten verlässt die Schule mit Kenntnissen in nur einer lebenden Fremdsprache. Das ist ein Skandal“, sagt Professor Franz-Joseph Meißner. Meißner ist Romanist an der Universität Gießen und Vorsitzender der Vereinigung der Französischlehrer in Deutschland. Schüler sollten seiner Ansicht nach nicht mit Englisch, sondern einer anderen lebenden Sprache beginnen. 
    An Englisch führe ohnehin kein Weg vorbei, so dass es genüge, mit dieser für Deutsche leichtesten Fremdsprache in der schwierigen Lernphase der Pubertät zu beginnen. „Saarländische Schüler, die meist mit Französisch anfangen, können auch nicht schlechter Englisch als andere“, so Meißner. Latein kommt für ihn als Alternative nicht in Betracht: „Latein vermittelt keine Strategien für hörendes Verstehen und keine Sprechfähigkeit.“
    Die Anhänger der Sprachenvielfalt an deutschen Schulen fordern, dass das Erlernen einer zweiten Fremdsprache bis zum Abitur wieder Pflicht wird. Einige Bundesländer wollen deshalb entsprechende Reformen auf den Weg bringen.
[Text: Richard Schneider. Quelle: WAZ 2003-05-02. Bild: Meißner.]


Franz-Joseph Meißner