2003-06-01
Warum Frauen nicht einparken können, aber besser in Fremdsprachen sind
„Frauen können schlechter einparken, aber besser Fremdsprachen lernen als Männer.“ Für die meisten Frauen ist das ein Vorurteil, für die meisten Männer eine Erfahrungstatsache. Zwei aktuelle Studien belegen, dass Sprachbegabung und Orientierungssinn tatsächlich ungleich auf die Geschlechter verteilt sind.
    Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum haben herausgefunden, dass nicht die Gene, sondern die Hormone dafür verantwortlich sind. „Interessant ist, dass der kleine Unterschied zumindest einmal im Monat aufgehoben wird“, schreiben Prof. Dr. Onur Güntürkün, Dr. Markus Hausmann und Privatdozent Dr. Martin Tegenthoff in ihrem Beitrag für die von der Uni Bochum herausgegebene Fachzeitschrift NEUROrubin
    Weibliche Testpersonen mussten auf dem Tiefst- und Höchststand der weiblichen Sexualhormone Aufgaben zum räumlichen Vorstellungsvermögen lösen. Während der Menstruation (2. Tag, hormoneller Tiefststand) zeigten die Frauen ähnlich gute Ergebnisse wie die Männer. Beim hormonellen Höchststand, in der so genannten Lutealphase (22. Tag), sanken ihre Leistungen jedoch „dramatisch“ ab. 
    Außerdem fanden die Psychologen und Neurologen heraus, dass sich bei Frauen während des hormonellen Tiefststands die Asymmetrie der Hirnhälften verstärkt. Bei Männern ist die Asymmetrie grundsätzlich stärker ausgeprägt. (Die linke Hirnhälfte steuert die verbalen Fähigkeiten, die rechte ist für visuell-räumliche Aufgaben zuständig.) 
    Während der Menstruation, wenn der Einfluss der weiblichen Sexualhormone am geringsten ist, arbeiten „Frauengehirne“ also weitgehend wie „Männergehirne“. Frauen müssten demnach besser einparken können, wenn sie ihre Tage haben.
    Ein hoher Pegel der Sexualhormone Östradiol und Progesteron dämpft an den übrigen Tagen die Aktivität bestimmter Nervenzellen. Daraus resultiert insgesamt eine verminderte Aktivierbarkeit bestimmter Hirnregionen.
    Ein weiteres Indiz ergab sich durch Tests mit Transsexuellen. Bei Männern, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, verbesserte sich durch die Einnahme weiblicher Sexualhormone die Sprachkompetenz – auf Kosten der räumlichen Orientierungsfähigkeit. Genau die umgekehrte Entwicklung machen Frauen durch, die zu Männern werden.
    Eine andere Studie englischer Psychiater hat ergeben, dass – stark vereinfacht ausgedrückt – Schwule wie Frauen denken und die Gehirnstruktur von Lesben denen von Männern ähnelt. 
    Zwei Wissenschaftler des Institute of Psychiatry in London führten dazu Versuchsreihen mit mehreren Probanden durch. Ihre Studie wurde in der Zeitschrift Neuropsychology veröffentlicht.
    Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Schwule besser Fremdsprachen lernen können als Lesben und heterosexuelle Männer. Dafür hätten Lesben aber einen besseren Orientierungssinn. 
    Dr. Qazi Rahman führt die Unterschiede auf den Einfluss des männlichen Hormons Testosteron während der Entwicklung des Embryos zurück.
    Die Dominanz der Frauen in den Fremdsprachenberufen ist also kein Zufall und scheint auch nicht durch die Erziehung bedingt zu sein. Der Frauenanteil an der weltweit größten Ausbildungsstätte unserer Branche, dem FASK Germersheim (Uni Mainz) liegt seit Jahrzehnten konstant bei rund 80 Prozent. Unter den Berufstätigen ist er etwas geringer, liegt aber immer noch bei 75 Prozent (ausgezählt anhand der Mitglieder des BDÜ Rheinland-Pfalz).


Test: Prüfen Sie Ihr räumliches Vorstellungsvermögen! Der obige „mentale Rotationstest“ wurde von den Forschern in Bochum verwendet. Die Aufgabe: Welche der Figuren 1 bis 4 sind identisch mit der Ausgangsfigur ganz links – nur eben räumlich verdreht? (Die Auflösung finden Sie hier.)
[Text: Richard Schneider. Quelle: NEUROrubin 2003, Walsroder Zeitung 2003-05-02, www.eurogay.de 2003-03-28. Bild: Ruhr-Universität Bochum.]


Überfordert? 
Frau beim Einparken